Nachdem ich mir die ersten 10 Minuten der Bundespressekonferenz nach der Wahl in Sachsen-Anhalt im September 2026 gegeben habe, mehr hab ich nicht ertragen ohne den Rechner an die Wand zu werfen, war ich mal wieder so stinkwütend, ich musste diesen Brief schreiben.
Wer also keinen Bock hat, auf meine Einlassungen zum Thema, es gibt bei mir auch viele Artikel zu völlig anderen Themen. Alle freundlich, höflich und halbwegs neutral abgefasst.
Werter Herr Bundeskanzler Merz
Ich hätte da mal ein oder zwei Fragen. Allerdings würde ich ihnen auch gerne einige ihrer Fragen beantworten.
Zum Beispiel die, die sie nach der Wahl in Sachsen-Anhalt gestellt haben: Was könnte zum Erstarken der AFD beigetragen haben, und was könnte man besser machen in Zukunft?
Da hätte ich so einige Vorschläge. Würden sie auf ihre Berater hören und vielleicht mal aus ihrer Bubbel rauskommen, würden sie vermutlich auch selber drauf kommen:
- Hören sie endlich auf permanent die Rhetorik der AFD zu übernehmen
Vielleicht glauben sie es mir ja nicht, oder ihren eigenen Beratern.
Dann glauben sie es doch Ulrich Siegmund, der sagte nach seinem Wahlsieg über sie:
„Ein sehr guter Wahlkämpfer für uns in diesem Wahlkampf war Friedrich Merz.“
Das muss man auch erst einmal schaffen. Vom politischen Gegner nach einer 43,8 Prozent Wahl öffentlich für die Wahlkampfhilfe gelobt zu werden. - Überlassen sie es der AFD ständig nach Feindbildern und Schuldigen zu suchen. Das kann die hervorragend alleine. Ihr Job ist ein anderer, ihr Job ist es nach Lösungen zu suchen.
Spoiler, ständig auf einem Großteil der Bevölkerung herumzutrampeln ist keine Lösung. - damit kommen wir direkt zum nächsten Punkt
Hören sie auf, ständig nach unten zu treten.
Menschen, die Bürgergeld beziehen, sind nicht automatisch zu faul zum Arbeiten oder Schmarotzer
Menschen die Unterstützung brauchen, sind nicht das Problem dieses Landes.
Und bevor man über deren Leben urteilt, könnten man sich wenigstens einmal ernsthaft damit beschäftigen, wie dieses Leben eigentlich ausschaut. - Suchen sie sich eigene Themen. Egal was, entweder die Migranten sind böse oder die AFD ist kein Thema für eine Regierung. Das ist nur noch peinlich und lächerlich. Auch da muss ich Herrn Siegmund leider zustimmen.
Wir Bürger haben übrigens durchaus verstanden, welche „Reformen“ sie planen und welche bereits beschlossen wurden. So dumm, wie sie uns offenbar einschätzen sind wir nicht. Sie haben uns damit auch wunderbar emotional erreicht, wir sind wütend wie lange nicht mehr.
Und jetzt muss ich etwas schreiben, von dem ich selbst nicht gedacht habe, dass ich das jemals sage:
Sie haben mit einer Sache vollkommen recht.
Deutschland hat die letzten 20 Jahre so einiges an Reformen verschlafen. Eine Menge sogar.
Also reformieren wir doch endlich.
Da hätte ich so einige Vorschläge.
Achtung, jetzt könnte es weh tun. Ihnen als „Mittelständler“ und ihren Freunden der Stiftung Familienbande ähm Familienunternehmen, wie komm ich nur auf den Ausdruck Bande?
- Bringen wir endlich, nach 30 Jahren Schlaf, die Vermögenssteuer verfassungssicher auf den Weg, damit all die großen Vermögen endlich wieder angemessen zur Finanzierung des Staates beitragen.
- Reformieren wir endlich auch die Erbschaftssteuer und schauen uns dabei ganz besonders die Privilegien bei sehr großen Unternehmensvermögen an.
- Überprüfen wir die staatliche Förderung der Dienstwagen
- Schließen wir all die schönen Steuerschlupflöcher konsequent
- Statten wir die Finanzbehörden so aus, dass die Verfolgung von Steuerhinterziehung nicht daran scheitert, dass der Staat weniger Personal und Möglichkeiten hat als diejenigen, die ihn um geschätzte 100 Milliarden pro Jahr bringen. Die Zahl stammt vom deutschen Bundestag nach einer Anfrage der Grünen 2026.
Bei der Summe, die ja immerhin 10% der gesamten erwarteten Steuereinnahme des gleichen Jahres entspricht, stellt sich mir schon irgendwie die Frage, warum sie bei den Bürgergeldempfängern sparen wollen.
Die haben eh nichts.
Warum nicht endlich mal bei der Steuerhinterziehung anzusetzen. Da ist doch das große Geld.
Und vielleicht können Menschen, sie es sich leisten können mit dem Flugzeug zu reisen, auch den tatsächlichen Preis bezahlen, ohne dass der Staat bestimmte Kosten künstlich verbilligt. Ja auch Privatflugzeuge.
Das wären doch mal Reformen.
Die würden vielleicht bestimmten Menschen auch weh tun, keine Frage.
Nur die paar die ganz oben sind, sind erheblich weniger als der Rest, ist so ein Matheding.
Und mit den zusätzlichen Einnahmen könnten wir anschließend über die Erleichterungen reden, die das Leben von Millionen von Menschen unmittelbar verbessern.
Über einen bezahlbaren oder sogar kostenlosen öffentlichen Nahverkehr zum Beispiel.
Über Renten, von denen alte Menschen sogar ohne Flaschensammeln leben können.
Über soziale Leistungen, die ein menschenwürdiges Leben ermöglichen.
Über Jugendzentren, Schwimmbäder, Bibliotheken, Schulen und all die anderen Dinge, bei denen seit Jahren erklärt wird es sei kein Geld dafür da.
Denn genau da liegt das Problem.
Sie sagen sinngemäß, viele Menschen hätten die positiven Auswirkungen ihrer Reformen noch gar nicht bemerkt.
Vielleicht, nur vielleicht, liegt das nicht daran, dass die Menschen zu begriffsstutzig sind. Vielleicht merken sie sogar sehr genau, was da passiert.
Sie sehen sie nur etwas anders als Sie.
Sie sehen, dass bei denen gespart wird, die ohnehin jeden Euro umdrehen müssen, um es dann denen zu geben die definitiv auch so genug haben.
Sie sehen geschlossene Einrichtungen und kaputte Infrastruktur.
Sie sehen gleichzeitig staatliche Unterstützung an Stellen wie den Wagner Festspielen, die nun wirklich nicht dafür bekannt sind, eine Veranstaltung für Menschen mit kleinem Geldbeutel zu sein.
Und da wundern sie sich über die Wut der Bürger?
Mich wundert eher, dass wir nicht noch erheblich wütender sind.
Und mich wundert doch sehr, dass sie offenbar immer noch glauben, man könne diese Wut bekämpfen, indem man die Bürger weiter beschimpft und veralbert. Wir sind nicht schuld an allem, weder die Hilfebedürftigen, noch die Migranten oder migrantisch gelesenen Menschen.
Und damit komme ich zu meiner eigenen Frage:
Warum wollten sie eigentlich unbedingt Bundeskanzler werden?
Ich meine die Frage ernst.
Nicht: warum wollten sie den Titel, nicht warum wollten sie die Wahl gewinnen?
Warum wollten sie diesen Job?
Denn Bundeskanzler ist ja keine Alibifunktion mit guter Bezahlung, das ist ein richtiger Job mit richtig viel Arbeit und Verantwortung.
Es ist auch kein Job, bei dem man Politik nur für diejenigen zu machen braucht, die ohnehin über Geld, Einfluss und Zugang verfügen.
Als Bundeskanzler sind sie für das ganze Land und seine Einwohner verantwortlich.
Auch für die Rentner*in mit 900 Euro, auch für die Bürgergeldempfänger, die alleinerziehenden Mütter und Väter, auch für die Menschen, die morgens um fünf Uhr zur Arbeit fahren und trotzdem am Monatsende rechnen muss, wie noch genug Geld für die Einkäufe da ist.
Für all die Menschen, denen Sie vermutlich niemals bei einem Abendessen begegnen werden.
Ihre Politik spiegelt das aber nicht. Die ist für höchstens einen winzigen Teil der Einwohner, nicht für alle.
Ihr Amtseid war doch, für das Wohlergehen aller Einwohner dieses Landes zu sorgen. Wörtlich lautet er laut Grundgesetz dass sie sich mit ihrem Amtseid dazu verpflichten, ihre Kraft zum Wohle des deutschen Volkes zu widmen, seinen Nutzen zu mehren und Schaden von ihm zu wenden.
Ich lese da nichts davon, dass das nur den reichsten paar Prozent gilt.
Wo genau sehen sie die Umsetzung dieses Auftrages in ihrer Politik?
Ich ganz ehrlich nirgendwo, im Gegenteil.
Und da fragen sie sich, warum die Leute so wütend sind, warum sie eine Partei wie die AFD wählen?
Ernsthaft?
Ach ja, noch eine andere, eher banale Frage:
Seit ihrem Amtsantritt wurden tausende von Euro für Friseur, Kosmetik und Visagistik und andere körpernahe Dienstleistungen abgerechnet.
In den ersten Monaten waren es ja schon über 12.000 Euro.
Ich habe eine Rente von 960 Euro, das ist also mehr als ein Jahreseinkommen für jemanden wie mich.
Klar ist das für jemanden wie sie oder im Bundeshaushalt Kleingeld.
Die meisten Bürger sind aber nicht der Bundeshaushalt, für die meisten von uns ist das irre viel Geld.
Wieso bitte muss ein Multimillionär, der vom Steuerzahler eh schon ein Einkommen bekommt, dessen Höhe in 2-3 Monaten das Jahreseinkommen sehr vieler Bürger übersteigt, seine beruflich notwendigen Friseurkosten vom Steuerzahler bezahlt bekommen?
Wir anderen müssen ebenfalls präsentabel bei der Arbeit erscheinen. Unsere Friseurrechnung bezahlt aber niemand.
Wir alle bezahlen unseren Haarschnitt selbst.
Ja es mag nur eine Kleinigkeit sein. Aber Politik besteht halt nicht nur aus Milliardenbeträgen und großen Worten.
Politik besteht halt auch aus Bildern.
Und das Bild, das bei vielen Menschen inzwischen ankommt ist ziemlich simpel:
Unten wird gespart wo es nur geht, nein sie persönlich sind trotz ihrer gegenteiligen Aussage sind nicht davon betroffen wenn die Facharzttermine noch längere Wartezeiten haben oder die Leistungen der Kassen noch mehr verringert werden. Beim besten Willen NEIN.
Oben wird gesponsort, unten werden die Rechnungen an den Steuerzahler weitergereicht.
Und dann fragen sie sich, warum die Leute wütend werden?
Eines haben sie allerdings wirklich geleistet, das haben sie wundervoll geschafft. Meinen Respekt dafür:
Sie haben eine Frau wie mich, die ihr Leben lang einigermaßen unpolitisch war, so wütend gemacht, dass sie mit 62 Jahren auf die erste Demonstration ihres Lebens gegangen ist. Trotz meiner Platzangst in Menschenmengen!
Sie haben es geschafft, dass ich mich für das Auftreten des Bundeskanzlers meines Landes so geschämt habe, dass ich mich schriftlich bei einem fremden Land für seine fehlende Kinderstube entschuldigt habe.
Sie haben es geschafft, dass ich laut werde, mich einmische und politisch aktiv werde.
Nicht, weil ich plötzlich die Freude an Parteipolitik entdeckt habe.
Sondern weil ich keine andere Option mehr sehe, bei einem Bundeskanzler und Ministern wie die jetzigen.
Sie wollten dieses Land verändern.
Glückwunsch, bei mir haben sie es geschafft.
Möglicherweise nicht ganz so, wie sie es sich vorgestellt hatten. Tje nun
Trotzdem, reife Leistung.
Antonia Pointinger
