Ich scrolle so durch sozial Media und mir fällt immer öfter auf, dass von erschöpften Frauen die Rede ist. Egal ob Coaching für erschöpfte Frauen angeboten wird um sie wieder in „ihre weibliche Kraft“ zu bringen, oder erklärt wird was alles die Frauen erschöpft hat, als ob noch mehr Input über all die vielen ToDo uns weniger erschöpft machen würde.
Mich treibt da was ganz anderes um:
Wem nutzt es eigentlich, dass wir Frauen so extrem erschöpft sind?
Warum wir das sind ist mehr als offensichtlich, aber irgendwer muss ja was davon haben, sonst würde es ja schon längst geändert werden, oder nicht?
erschöpfte Frauen
Nur um das direkt zu Anfang klarzustellen, den Gedanken von wegen „ich krieg mein Leben einfach nicht in den Griff, sonst wär ich doch nicht so völlig erschöpft jeden Tag“ hatte vermutlich jede von uns schon mal.
Er stimmt nur nicht.
Fakt ist: Wir kämpfen auf so vielen Ebenen gleichzeitig, das kann nicht klappen.
Die Aufzählung warum wir Frauen so sehr erschöpft sind kann ich wohl ganz klein halten, wir kennen die Punkte eh alle:
Patriarchat, Erwartungen, Alltag, Mental Load, gläserne Decke und und und
Ist ja alles richtig.
Ist aber nur die halbe Story.
Die andere Hälfte ist unbequemer:
Zum einen ist diese Erschöpfung ja kein Einzelfall oder ein upsi, war nicht so gemeint.
Sie ist ein Zustand, der verdammt gut ins System passt.
Und wir spielen mit!

Was passt in welches System?
Gute Frage:
Es ist doch so, du funktionierst im Job.
Du hältst privat alles zusammen (ja machen leider immer noch größtenteils wir Frauen)
Du denkst du musst dich nur besser organisieren, dann schaffst du das schon alles, andere schaffen das ja auch und schauen dabei auch noch blendend aus. (Spoiler, totaler Bullshit)
Und während du das alles machst, bist du viel zu gestresst und viel zu fertig um auch noch Fragen zu stellen oder Gott bewahre etwas dran zu ändern.
Klingt das irgendwie vertraut?
Wieso wohl?
„Das System“ in dem das so wunderbar reinpasst habe ich auch schon mal beschrieben in Wer ist eigentlich „das System“?
Es fühlt sich richtig an weil es so vertraut ist. Dabei gibt es so viele Gegenentwürfe, so viele Dinge die an diesem System in dem wir leben falsch sind, die wir besser könnten.
Mich macht das schon wütend seit ich ein kleines Mädchen war.
Ich hab das nie wirklich eingesehen, warum z.B. ich das Zimmer meiner Brüder putzen sollte. Funktioniert der Staubsauger nicht wenn sie ihn benutzen?
All die vielen Dinge, die ich als nicht logisch empfand, wo das was mir beigebracht wurde, was mir gesagt wurde, so überhaupt nicht mit dem überein gestimmt hat mit dem, was ich empfunden habe, was ich gesehen und erlebt habe.
Dauernd wütend zu sein, mich aber ohnmächtig zu fühlen, trotzdem das Spiel mitzuspielen, weil irgendwie muss es ja laufen im Leben. Das machte mich so müde.
Ich hab meine Kraft dabei ständig aufgerieben, ohne irgendwas zu bewirken.
Wem genau nützt das denn jetzt wirklich?
Der Frage bin ich im letzten Blogartikel Faschistische Systeme und Genderrollen schon mal näher gekommen.
Kurz gesagt:
Je Autokratischer ein System ist, desto mehr braucht es in den Familien möglichst starke Hierarchien. Dort üben wir dann schon mal das mit dem Gehorchen.
Und unsere Kinder lernen es dort vor allem auch.
Da wir das mit Mann oben und Frau unten ja seit Jahrhunderten geübt haben, ist es am einfachsten wieder zu beleben.
Und völlig erschöpfte Frauen haben halt dann weder Zeit noch Kraft dagegen aufzubegehren.
Was können wir Frauen denn dann tun, um weniger erschöpft zu sein? Müssen Frauen denn da was tun?
Irgendwie sollen immer wir Frauen und ändern, uns optimieren, uns werden zig Vorschläge gemacht wie wir das bewerkstelligen könnten, wo wir noch schrauben könnten in unserem Leben.
Es wird uns ständig als Frauenproblem verkauft und wir reiben uns bei der Lösung auf. Dabei ist die Entscheidungsmacht für die Lösung doch gar nicht bei uns.
Was nutzt es denn, wenn wir Frauen uns ständig weiter verändern, wenn die Regeln ganz woanders gemacht werden?
Wir machen sie doch nicht, wir sollen nur darin irgendwie klarkommen.
Wer hat denn genau die Macht, diese Regeln zu verändern, unter denen wir hier alle funktionieren?
Und warum wird dort bewusst so wenig verändert?
Erschöpfung ist einfach kein persönliches Versagen. Sie hält derzeit das System am Laufen. Und das ist falsch!
Wer könnte tatsächlich etwas ändern, an diesem System, dass fast keiner und keinem von uns gut tut?
Fakt ist: die meisten Entscheidungen werden immer noch von Männern getroffen.
Ja das Bild vom alten weißen Mann ist abgedroschen, trotzdem leider nicht falsch.
Egal ob in Politik, in der Wirtschaft, in den Strukturen die unseren Alltag bestimmen, wir sehen fast ausschließlich weiße Männer.
Gleichzeitig wird die Verantwortung für die Folgen für diese Entscheidungen, aber bei uns Frauen abgeladen.
Wir sollen uns resilienter machen (werden tolle Coachings für angeboten, kosten auch nur drölfzigtausend…)
Wir sollen besser klarkommen, uns besser organisieren.
Das ist bequem, keine Frage.
Vor allem für die, die nichts ändern müssen.
Und für die, denen es wunderbar in die Karten spielt, wenn Gehorsam geübt wird, die Hälfte der Bevölkerung zu müde ist um sich zu wehren.
Jaaa, aber auch Männer können das ja seltenst ändern…
Das ist genau der Denkfehler.
Männer haben da sehr viel Macht und Möglichkeiten.
Auch die Männer, die nicht in hohen Machtpositionen sitzen.
Wenn eine Frau etwas sagt bei einer sexistischen Bemerkung, wird sie als zickig abgestempelt.
Ein Mann wird ernst genommen wenn er bemerkt, dass der Witz gerade überhaupt nicht witzig war.
Oder wenn er in der Besprechung mal einwirft, dass das doch gerade schon von Frau xy gesagt worden war, was der Herr … da wiederholt hatte.
Oder er wechselt den Gehweg nachts um eine Frau nicht zu beunruhigen.
Er hilft nicht im Haushalt oder mit den Kindern, er übernimmt die Verantwortung für seine Hälfte an diesen Jobs.
Alles Dinge die jeder Mann machen kann.
Alles Dinge die uns Frauen aufreiben, wenn wir die Männer dazu bringen wollten, das zu sehen.
Männer nehmen andere Männer ernster als jede Frau.
Isso.
Wenn ein Mann das sagt wird es als fundiert empfunden, bei einer Frau lächerlich.
Also kann JEDER Mann etwas ändern.
Klar, Verantwortung übernehmen, auch daheim ist anstrengend (ach was),
neue Rollen zu finden, selbst Vorbild zu sein, all das kostet Zeit und Kraft.
Und natürlich gilt das alles nicht nur binär.
Wenn wir das Spiel weiterdenken, gilt das natürlich für alle Geschlechter, alle Hautfarben, Religionen, für ALLE.
Also einfach für alle.
Wenn es irgendwann völlig wumpe ist, welches Geschlecht, Haarfarbe, oder Pickel auf dem Hintern jemand hat, wenn es nur noch die Frage ist, wer hat die Kompetenz für den Job und wie teilen wir den Rest auf damit es fair ist.
Dann haben wir die Welt von der ich träume.
Aber ich bin nun mal ne Frau, was kann ich tun?
Wie wäre es damit, Dinge mal liegen zu lassen?
Der Abwasch überlebt es, wenn du ihn mal nicht machst. Sobald keine Teller mehr sauber sind fällt es auf, und es kann eine Diskussion darüber ergeben, warum keine sauberen Teller mehr da sind und warum das nicht nur dein Job sein kann.
Du kannst dir eine Pause gönnen.
Nicht um dich zu optimieren.
Einfach weil du mal aussteigen darfst aus diesem System, dass dich nur zermürbt.
Einfach so, ohne Begründung und schlechtes Gewissen.
Manchmal fängt Veränderung genau da an, damit, dass du einfach mal nicht funktionierst.
Irre, oder?
Wenn du das mal ausprobieren willst, komm Dienstags ins freie Neurozeichnen zum Nixmachen üben. Eine halbe Stunde lang zeichnen wenn du magst oder zuschauen wenn nicht.
Uns ständig zerreiben zu lassen bringt niemandem etwas. Vielleicht finden wir ja Wege raus aus dieser Falle.
Ich hoffe es jedenfalls sehr stark.
Bis neulich
Deine Antonia








