Ich les das in letzter Zeit fast täglich, höre es immer öfter.
„diese Linksradikalen….“
„diese woken Spinner“
„diese linksgrünwokeversifften….“
Und dann schau ich mir an worum es tatsächlich geht, was da genau angegriffen wird.
Forderungen nach bezahlbarem Wohnraum für alle.
Gesundheit und Vorsorge für alle.
Zugang zu guter Bildung und Ausbildung für alle.
Teilhabe für alle.
Genug zu essen für alle.
Ein Leben in Würde anstatt in Existenzangst und Verzweiflung.
Also eigentlich das, was die Basis unserer Gesellschaft ist, die Grundlage.
Und dann frage ich mich ernsthaft, was ist da extrem?
Ich bin linksgrünwokeversifft
Und ich bin stolz drauf.
Denn das bedeutet doch, dass mein Wertekompass noch halbwegs funktioniert.
Ich hab selber gemerkt, wie dünn die Decke eigentlich ist, wie schnell du im freien Fall bist.
Ein Unfall, eine böse Trennung, eine Krankheit oder ein CEO der Müll macht, und schon bist du verdammt schnell nicht mehr die, die alles im Griff hat und ein gutes Leben führt.
Du bist plötzlich jemand, der darauf angewiesen ist, dass es ein System gibt, dass dich auffängt.
Genau deshalb haben unsere Vorväter das Grundgesetzt gebastelt wie es ist, mit einer klaren Ansage dass wir ein Sozialstaat sind.
Dass wir gemeinsam die Grundlagen schultern.
Die haben das nicht aus Großzügigkeit und Verschwendungssucht so geschrieben.
Das war reines Kalkül und Vernunft.
Damit Menschen eben nicht ins Bodenlose stürzen, damit wir eine gemeinsame Grundlage und Sicherheit haben.
Das hält die Gesellschaft zusammen, sorgt für ein gutes Miteinander und eben auch für finanziellen Wohlstand.
Wenn wir uns nämlich zerfetzen aus Verzweiflung, immer mehr Menschen haben die hinten runterfallen, dann haben wir auch viel mehr Kriminalität, mehr frustrierte und aggressive Menschen, mehr Gewalt.
Und wir lassen uns nicht nur viel Arbeitskraft entgehen, wir verlieren auch viele Ideen, Fähigkeiten, möglicherweise den nächsten Steven Jobs oder so.
Einfach weil wir sie fallenlassen und ihnen damit keine Chance geben so toll zu sein wie sie könnten.
Das Grundgesetz
Da steht sowas tatsächlich drin.
Ist gar nicht so schwer zu lesen.
Direkt im Artikel 1 des Grundgesetzes, so wichtig war denen das:
Absatz 1:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“
Das ist der oberste Maßstab. Alles andere muss sich daran messen lassen.
Da steht nichts von wegen die Würde der Menschen die so sind wie xy.
Oder „aber nur wenn sie hier geboren sind“ oder „nur wenn sie genug Geld haben oder generieren“
Und das steht ganz bewusst so drin.
Die haben da 8 Monate intensiv drüber diskutiert und gestritten, kannst nachlesen.
Das waren 65 stimmberechtigte MitgliederInnen, ja da waren auch Frauen mit dabei, satte 4 Stück, die haben aber viel erreicht damals.
Zum Beispiel Artikel 3: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt„
Das wär da fast nicht dringestanden, die Männer haben sich da massiv dagegen eingesetzt und wollten viel weichere, schwammigere Formulierungen haben.
Und dann haben diese Frauen, vor allem Elisabeth Selbert etwas verrücktes gemacht:
Sie haben öffentlichen Druck gemacht.
Frauenorganisationen mobilisiert, tausende Eingaben, Briefe und Proteste.
So viele, dass die Herren im parlamentarischen Rat das nicht mehr ignorieren konnten.
Aber weiter, wenn du die Geschichte des Grundgesetzes und einiger Artikel anschauen willst, da gibt es geniale Sachen zu.
Im Artikel 3 Absatz 3 haben sie noch was interessantes geschrieben:
Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.
Artikel 20 Grundgesetz
Absatz 1:
„Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“
Artikel 28 Grundgesetz
Absatz 1:
„Die verfassungsmäßige Ordnung in den Ländern muss den Grundsätzen des republikanischen, demokratischen und sozialen Rechtsstaates im Sinne dieses Grundgesetzes entsprechen.“
Heißt übersetzt: Sozialstaat ist kein „nice to have“. Das ist Pflicht, die Basis von allem.
Diese 65 Leute und Leutinnen haben das nicht zufällig da reingeschrieben, nur damit der Text fertig wird.
Die haben das nach diesem fürchterlichen Krieg mit allem was dazu geführt hat, ganz bewusst gemacht.
Weil sie gesehen haben, was passiert, wenn diese Dinge fehlen.
Aber die Kosten
Ja klar kostet das gelegentlich was.
Warum wird eigentlich nie darüber gesprochen, was es uns kostet das nicht zu machen?
Mir geht dieses ständige „ja dann bekommen ja Leute die nichts dafür tun Geld und ich nicht“ sowas von gegen den Strich.
Ja, die arbeiten vielleicht gerade nicht, weil sie es nicht können, weil sie krank sind, Kinder alleine groß ziehen, Eltern pflegen…..
Oder sie brauchen selber Pflege, ein Krankenhaus etc.
Willst du ernsthaft mit ihnen tauschen, nur um auch etwas zu bekommen, ohne was dafür zu leisten in dem Moment? Überleg mal ganz genau.
Das ist doch das war gerade permanent angeheizt wird, dieses „aber die da unten bekommen Geld und ich nicht, das sind MEINE Steuern die die da bekommen“.
Es ist auch DEIN Geld, dass Überreiche durch Steuerschlupflöcher und Steuerhinterziehung uns allen stehlen. So viel kann ein armer Mensch niemals bekommen wie die uns wegnehmen.
Schrei darüber, nicht über die paar Zwetschgen die jemand bekommt um zu überleben.

In fast allen bei uns stärker vertretenen Religionen steht was davon drin, dass die Armen und Kranken unterstützt werden sollen.
In der Bibel steht sogar was davon, dass Menschen die von überall her zu uns gekommen sind Hilfe bekommen sollen.
Scheint unserer „christlichen“ Regierungspartei durchgeschlüpft zu sein.
Ist ja auch lästig.
Das was da gerade so plakativ „gespart“ wird, kostet uns Milliarden in ein paar Jahren.
So kompliziert ist die Rechnung doch nicht.
Wenn ich z.B. wie gerade geplant das Hautkrebsscreening streiche.
Das kostet so rund 50 Euro im Jahr pro Person.
Wenn nur ein einziger Fall deswegen zu spät entdeckt wird, sind wir ganz schnell bei 100.000 Euro an Kosten. PRO FALL
Dazu kommt natürlich noch der Arbeitsausfall, möglicherweise Rente weil nicht mehr arbeitsfähig…..
Was sparen wir denn da?
Oder die Zahnarztkosten die wir selber übernehmen sollen, was natürlich der Großteil der Bevölkerung nicht oder kaum schafft.
Da geht es nicht nur um die Kosten für die Behandlungen wenn die Prophylaxe nicht gemacht wird, da hängen ja auch Sachen dran wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Komplikationen bei Diabetes, Fehlzeiten im Job.
Und nicht zu vergessen: Wollen wir wirklich die Finanzstärke der Menschen wieder an ihrem Lächeln oder eben nicht mehr Lächeln weil keine Zähne mehr erkennen können?
Ich dachte wir sind schon übers Mittelalter hinaus.
Kinder, Jugendliche und Bildung
Das ist der teureste Posten überhaupt. Also wenn wir da sparen mein ich, dann kostet das Unsummen.
Entgangene Steuern wenn diese Kinder später mangels Bildung oder wegen Schulabbruchs (Einzelbetreuung hätte das vielleicht auffangen können, mein ja nur) später nicht arbeiten, können.
Höhere Sozialausgaben, auch diese Menschen wollen leben.
Höhere Gesundheitskosten, siehst du in jeder Statistik, je arm desto öfter und mehr krank.
Viel höhere Wahrscheinlichkeit für Arbeitslosigkeit.
Plus mehr Kriminalität, Gewalt, Frustration.
Und wieder, wir lassen uns da so viele wunderbare Menschen mit großartigen Ideen und Fähigkeiten entgehen.
bezahlbarer Wohnraum, Krankenhäuser etc
„Ja aber wenn der bezahlbar wird, dann baut doch niemand mehr Wohnungen, rentiert sich doch dann nicht mehr…..“
Surprise, bauen sie ja jetzt auch nicht.
Es werden massig Eigentumswohnungen gebaut, Bürogebäude, die dann für Steuerabschreibung gerne leer stehen dürfen, Mietwohnungen für 20 Euro und mehr pro qm.
Was haben Leute wie du und ich denn von solchen Bauten?
Eine zugebaute Stadt vielleicht.
Es war schon sinnvoll, dass der soziale Wohnungsbau in öffentlicher Hand war. Genau wie Krankenhäuser etc.
Solche grundsätzlichen Dinge wie wohnen, essen, Bildung und Gesundheit sind zu wichtig, um sie für den Kapitalismus freizugeben.
In meinem Beitrag Gerechte Welt habe ich ja schon mal über diese Begriffe gesprochen.
Ist das wirklich Linksextrem?
Ist es extrem, zu fordern, dass alle Menschen eine halbwegs brauchbare, bezahlbare Wohnung haben, genug zu Essen (möglichst auch gesundes Essen, nicht wie derzeit wo ungesundes meistens billiger ist), Zugang zur umfassenden Gesundheitsversorgung, Bildung, Teilhabe und Würde?
Ich hielt mich immer für relativ konservativ, all diese Dinge waren für mich immer die Basis dessen, was unseren Wohlstand ausmachte.
Kostenfaktor Mensch
Was ist das für ein Menschenbild?
Wenn wir Menschen nur als Kostenfaktor sehen?
Jede*r von uns braucht irgendwann Hilfe.
Wegen eines Unfalls, einer Krankheit, eines Unglücks.
Das kostet halt mal Geld. Und das kommt nicht direkt wieder rein.
Punkt isso.
Ich mach es mal ganz konkret:
Wenn morgens der Pflegedienst nicht kommt, steh ich da.
Ich komm nicht alleine in meine Kompressionsstrümpfe rein.
Ich hab Lipödem, da brauch ich die aber.
Aus betriebswirtschaftlicher Sicht? Reiner Kostenfaktor.
Für mich der Unterschied zwischen teilnehmen und nur unter Schmerzen laufen können.
Der Unterschied zwischen Würde und eine Belastung sein.
Genau da kippt diese Denke doch. Wir verhandeln da nicht mehr über Geld.
Wir verhandeln darüber wieviel Würde und Teilhabe wir Menschen zugestehen.
Das muss ja auch alles finanzierbar sein
Stimmt, muss es, Wolkenkuckucksheime funktionieren nicht.
Dann schaun wir doch mal, wie wir das finanzieren könnten.
Ganz gewagt und bestimmt Linksradikal wäre es ja, große Steuerhinterziehungen ernsthaft und mit Wumms zu ahnden.
Steuerschlupflöcher dicht zu machen ist bestimmt auch Linksradikal und viel zu extrem.
Oder eine Vermögenssteuer, nein die ist nicht verboten worden, die müsste nur minimal angepasst werden. Nicht für Vermögen unter 1 Mio, was die meisten von uns vermutlich nie haben werden, träfe uns also gar nicht sondern nur Menschen die wirklich richtig dick haben.
Große Erbschaften wirklich besteuern wäre auch so ne radikale Idee.
Sorry aber ich persönlich kann mir 1 Milliarde nicht mal vorstellen, das sind 1000 Millionen und ich schaffe es schon nicht diese Zahl in den Kopf zu bekommen.
Nein die würden dann weder pleite gehen, auch nicht ihre Unternehmen, noch würden sie alle wegziehen.
Erstens kostet so ein Umzug auch ein Heidengeld, zweitens haben wir da sowas wie eine Wegzugsabgabe um das zu verhindern und drittens
Das sind für diese Menschen Peanuts, die werden aus der Portokasse bezahlt.
Glaubst du ernsthaft, jemand der so viel Kohle hat bemerkt wirklich eine Steuer von 100k Euronen? Das geben sie teilweise für eine Wochenendsause aus, ohne groß drüber nachzudenken.
Oder noch ein völlig radikaler Gedanke:
Bei dieser sozialen Absicherung, egal ob Krankenversicherung, Rente, Sozialhilfe etc. da müssen alle mitspielen, immer gleicher Prozentsatz an Abgaben, egal ob du jetzt Mindestlohn bekommst oder 20k im Monat. Egal wer, Beamte, Selbständige, Abgeordnete, Minister….. Alle tragen das, nicht wie jetzt nur die, die wenig Einkommen haben, wer genug verdient geht raus.
Können sie ja zusätzlich machen, aber beim Gemeinschaftspool zahlen sie ihren Teil halt trotzdem mit und bekommen diese Grundversorgung auch, wenn sie sie brauchen.
Völlig radikal und extrem, oder?
Leute das Geld ist durchaus da, nur nicht dort wo es gebraucht wird. Das könnte man aber ändern. Also unsere Regierung könnte, wenn sie denn wollte……
Das waren mal wieder meine Gedanken zur derzeitigen Politik.
Ich will mich einfach nicht nur aufregen, ich will Dinge ansprechen, ändern.
So schaffen wir nur mehr verzweifelte Menschen und ich weiß sehr genau wie sich das anfühlt.
Ich find Demokratie richtig geil, so wie es derzeit läuft machen wir sie aber eher kaputt. Find ich doof.
Bis neulich mal wieder
Toni









Vollkommen d’accord!
Links-Woke-Grün heißt im Grunde anständig, mitfühlend, faktenbasiert vernünftig und solidarisch.