Neulich mal wieder in einem Post gelesen, von einem Networking Event in dem der CEO eines großen Unternehmens von einem neuen Kollegen geschwärmt hat. „Er hat Führungsqualitäten den werd ich befördern“
Wenige Minuten später ging eine Kollegin vorbei, die schon länger dort arbeitet, sein Kommentar war: „Sie ist sehr ambitioniert, mal schaun ob sie das in den nächsten Jahren beweisen kann.“
Gleicher Kontext, gleicher Sprecher, zwei Menschen und komplett unterschiedliche Etiketten. Zwei völlig unterschiedliche Aussagen.
Sehr ambitioniert klingt doch erst mal gut, ein Kompliment, oder? Ihr Kollege hat Führungsqualitäten.
„Sehr ambitioniert“ klingt erst mal positiv, ein Kompliment, klingt nach motiviert, zielstrebig, voller Energie….
Da schwingt gerade bei Frauen immer ein Subtext mit: Sie will ja, aber sie hat es noch nicht.
So eine Szene wie da oben hab ich auch schon zig mal erlebt.
Männliche Kollegen brauchen nur Potential und können sich in der gehobenen Position beweisen. Sie bekommen einen Vertrauensvorschuß.
Kolleginnen müssen sich in Dauerschleife beweisen, Leistung reicht nie, Potential schon gar nicht.
„sehr ambitioniert“ ist die Businessversion von „hat sich stets bemüht“ im Arbeitszeugnis.
Ein nett verpacktes klares NEVER EVER.

Die rhetorische Falle
Das ist dunkle Rhetorik in Reinform:
Die gleiche Formulierung kippt völlig, je nachdem, über wen sie gesprochen wird.
Stell es dir einfach vor, diesen CEO wie er da steht und über den neuen Kollegen spricht, wenn er über ihn sagt „der ist ambitioniert“.
Kannst du dir den CEO vorstellen? Ich schon. Seinen respektvollem Unterton, weil der Kollege hat Potential, das ist ein Visionär, hungrig, ein Mann mit Drive….
Jetzt stell ihn dir nochmal vor, wie er genau die gleichen Worte sagt, aber diesmal über eine langjährige Kollegin. „Sie ist ambitioniert“… Kannst du es dir vorstellen?
Ich seh ihn da, mit leicht amüsiert hochgezogener Augenbraue, seine Stimme mit einem leichten Anflug von Amüsement, Skepsis, so Richtung „na klar, und ich werd Kaiser der Welt“.
Wie oft ich diese Szene in all meinen Berufsjahren so oder so ähnlich erlebt habe.
Das wohlwollende Schulterklopfen beim Mann und das skeptische Grinsen für die Frau.
Wie wütend, ohnmächtig und hilflos ich mich jedesmal gefühlt habe.
Ich wußte, daß ich verdammt nochmal was kann, und trotzdem wurde ich gönnerhaft angegrinst, meist von oben (Männer sind ja oft auch noch größer als wir), und redeten mit mir als wär ich ein albernes kleines Mädchen.
Und egal was Frau tut, völlig gleichgültig wie sie drauf reagiert, sie kann nur verlieren.
Wobei das nicht nur für uns Frauen gilt, alles was nicht unter „weiß, männlich, gesunder Körper“ fällt hat mit genau dem gleichen Müll zu kämpfen.
Deshalb gilt dieser Text für Euch alle, egal welche Hautfarbe, welches Geschlecht, woher ihr kommt, welche Namen ihr habt. In der Sch…. stecken wir alle gleichermaßen drin, manche noch heftiger als andere weil gleich mehrfach betroffen. Auch wenn ich im Text meistens von Frauen spreche, ich meine alle, alle die nicht dieser bescheuerten Norm entsprechen.
Das ganze Spiel ist so fies gebaut, du kannst nur verlieren. Außer: du hast jemanden die unterstützt.
Eine Kolleg:in, die das Muster sichtbar macht. Zum Beispiel:
„Interessant, bei ihm reicht Potenzial, sie hat schon endlose Beweise geliefert was sie kann und es reicht immer noch nicht?“
„Ja sie ist ambitioniert. Völlig zu Recht, sie weiß was sie kann, sie scheinen das zu übersehen. Seltsam“
Solche Sätze werden sicher nicht gleich die Welt oder das Denken mancher Dickschädel verändern, aber sie brechen den Frame. Wenn du selbst es sagst klingt es ja wie eine Rechtfertigung, wie betteln darum auch mitspielen zu dürfen.
Wenn es aber jemand anderes ausspricht, entlarvt es das Muster. Steter Tropfen und so…
Die gläserne Decke, über uns und in uns
Jetzt kommt nämlich das noch fiesere, diese Sprachfallen wirken ja nicht nur äußerlich, sie graben sich auch noch nach innen.
Darin sind wir Frauen ja ganz groß.
Sobald uns jemand so ein Etikett ans Hirn bappt springt sofort das eingeübte Programm an:

„Bin ich wirklich schon soweit?“
„Vielleicht fehlt mir ja wirklich noch was damit ich das kann“
„Ich muß mich nur ein bisschen mehr anstrengen…“
Diese gläserne Decke ist nicht nur real über uns, sie ist leider auch oft auch noch in uns.
Das System, die Gesellschaft, unsere Erziehung, Sozialisierung, nenne es wie du willst, dieses Ding deligiert die Arbeit uns brav unter der Decke zu halten direkt noch weiter an uns.
Das ist nämlich die zweite Ebene dieser gläsernen Decke:
Sie hält nicht nur unsere Karriere unten, sie nährt von allen Seiten die Zweifel, bis wir selber glauben wir wären noch nicht so weit, obwohl wir schon lange alles haben.
Warteschleife, Hamsterrad, Schiebewurst
Wie fühlt sich das an?
Wie eine Warteschleife am Servicetelefon: „Ihre Ambitionen sind uns wichtig, bitte bleiben sie in der Leitung, der nächste freie Platz ist für sie reserviert…..“ tuuuut tuuuut tuuut
Oder wie ein Hamsterrad, du bist permanent in Bewegung, kommst aber nie an

Oder wie es früher bei uns hieß: Schiebewurst.
Du hast ein großes Brot und nur eine kleine Scheibe Wurst, die schiebst du immer schön nach vorne und kurz bevor du zubeißt schiebst du sie weg, so hast du den Anblick immer, den Geruch in der Nase aber zu futtern bekommst du immer nur das trockene Brot.
Und während Frauen sich abstrampeln, rennt der Kollege mit „Qualitäten“ an allen vorbei, mit Vorschusslorbeeren, die sie nie bekommen.
Das machen die Chefs doch nicht böswillig so
Stimmt, viele davon machen es unbewußt, diese unbewußten Denkmuster (denglisch Bias), die in unserer Sprache leben.
Viele machen es durchaus bewußt, so doof sind die wenigsten, sie werten bewußt ab, in hübscher Verpackung.
Das macht es so schwer, dagegen zu argumentieren.
Denn wenn du was sagst bist du die zickige Spielverderberin, ambitioniert ist doch positiv, wieso beschwerst dich denn darüber?
Jetzt kommt das spannende: Warum?
Warum übersehen so viele Männer in den Führungspositionen die bereits vorhandenen Qualitäten der Frauen?
Warum kommt diese automatische Zuweisung Mann = Potential reicht, Frau = Qualitäten müssen immer und immer wieder bewiesen werden um vielleicht irgendwann mal ….
1. Gleich und gleich gesellt sich gern
Viele Chefs fördern automatisch gerne Leute, die ihnen ähnlich sind.
Also: männlich, gleiche Sozialisierung, ähnlicher Habitus.
Das wirkt wie ein Spiegel, und das muß dann natürlich Qualität haben (Ironie off)
„Der ist wie ich, den versteh ich, der schafft das“
Tja, Frauen fallen da automatisch raus, ihr Verhalten ist nicht vertraut, sie sind irgendwie… „anders“

2. Angst vor Kontrollverlust
Eine Frau in der Führungsrolle ist nicht nur irgendwie anders und nicht vertraut, sie sprengt damit auch das gewohnte Machtgefüge.
Viele Männer spüren (oft unbewußt): Das könnte unbequem werden, die hat am Ende noch andere Ideen und Methoden.
Also lieber den Deckel drauf.
Das Etikett „ambitioniert“ ist da ganz praktisch, klingt wertschätzend, hält sie aber draußen.
Ich mein ich hab vor Bundeskanzlerin zu werden in 3 Jahren…. ist auch etwas ambitioniert, oder nicht?
3. Alte Rollenbilder im Kopf
Immer noch diese hartnäckigen Ideen von
Männer = Führung, Durchsetzungskraft
Frauen = Unterstützung, fleißiges Bienchen, sanft und weich
Selbst wenn alle wissen daß das Quatsch ist, diese Bilder wirken wie ein Autopilot, und unsere Sprache transportiert sie weiter.
4. Strategische Machtspiele
Manche/Viele Männer, vor allem die „alte Garde“ in den Führungsriegen haben schlicht Angst vor starken Frauen. Sie sind ihnen unheimlich.
Wenn eine Frau wirklich stark ist wird Taktik angewandt um den „Feind“ draußen zu halten und alles so zu belassen wie es doch immer funktioniert hat (hust, hat es nicht und tut es immer weniger, nur so am Rande meine Herren)
Das ist die bewußte Variante der dunklen Rhetorik, freundlich deckeln bevor sie als Konkurrenz zu sichtbar wird.

5. schlichte Bequemlichkeit
Frauen in Führung würden evtl. auch andere Fragen stellen: über Vereinbarkeit, über Machtstrukturen, über Kultur.
Das paßt vielen nicht ins Konzept.
Also lieber die Warteschleife
Ich hör euch schon: FRAUEN immer so überempfindlich
„Vielleicht war sie ja tatsächlich noch nicht so weit“
„Bestimmt war sie schlicht schlechter qualifiziert“
„Frauen sind da einfach überempfindlich“
Genau das ist Teil des Problems.
Komischerweise gilt dieses „vielleicht ist er noch nicht so weit“ fast nie für Männer.
Da reicht es Potential zu haben, ein charismatischer Auftritt, drei Monate Einsatz und schon bekommen sie diesen Vertrauensvorschuß, daß sie es schaffen können.
Frauen hingegen dürfen Jahre liefern, Projekte stemmen, Krisen meistern und haben trotzdem immer noch nicht ausreichend bewiesen, daß sie es können.
Wo ist da das Vertrauen? Wieso wird ihr Potential nicht gesehen?
Das ist nicht einfach überempfindlich, nicht einfach nur ein Gefühl von uns allen. Das bilden wir uns nicht ein.
Hört auf mit diesem Gaslighting.
Es ist Realität, egal wie elegant ihr sie leugnet.
Und jetzt?
Wir können uns gegenseitig stützen.
Indem wir diese Sprachfallen sichtbar machen.
Indem wir uns in Netzwerken spiegeln und sagen: „Nein, du bist nicht überempfindlich, ja du hast längst alles was es braucht“.
Indem wir uns gegenseitig Rückendeckung geben, wenn jemand mal wieder so ankommt.

Wir können es in die Dickschädel in den Chefetagen hämmern, so lange bis es endlich eindringt.
Indem wir nicht wegschauen, wenn Kolleg:innen abgewertet werden, indem wir es so lange sichtbar machen bis allen klar ist: Das ist kein Zufall, das ist ein Muster.
Und wir müssen immer wieder benennen, was es kostet, menschlich, finanziell, gesellschaftlich.
Denn „sehr ambitioniert“ und ähnliche Begriffe sind nicht harmlos.
Es ist ein Mechanismus der Karrieren ausbremst, Unternehmen schwächt und unsere Gesellschaft ärmer macht.
Wie: was kostet es uns, in der Hoffnung daß es irgendwann durchdringt
Individuell: Frauen und Minderheiten zahlen mit Selbstwert, Gesundheit und Karrieren, all die Gaps könnt ihr ja vermutlich schon auswendig
Unternehmen: Milliarden an Potenzial gehen verloren, Studien von McKinsey, Harvard, AllBright zeigen seit Jahren daß diverse Führungsteams profitabler und innovativer sind.
Gesellschaftlich: Wir verlieren Ideen, Fortschritt, und Zukunft, wenn immer nur die gleichen Stimmen entscheiden. Das können wir uns schlicht nicht mehr leisten.
Wir sind nicht überempfindlich
Egal wie oft ihr es uns einreden wollt.
Egal wie toll ihr euch findet.
Es funktioniert nicht mehr alles wie vor 50 Jahren.
Wenn wir nicht langsam die Kurve kriegen und alles Potential ausschöpfen, nicht nur das das euch vertraut ist, werden wir richtig heftig an die Wand fahren.
Leute wenn wir es schaffen dieses Muster endlich zu kippen gewinnen wir alle. Auch die „alten weißen Männer“ in den Chefetagen.

Das war es mal wieder, irgendwie werden wir alle gemeinsam das hinbekommen.
Bis denn dann
Toni vom Café Ruhepol
Zum Thema Rassismus hab ich hier einen Beitrag geschrieben.