Mein LinkedIn-Feed ist seit ein paar Wochen wie eine Ausgabe von Hochglanz-Reisekatalogen.
Bali, Business Class, Rooftop-Cocktails, pseudo schlechtes Gewissen weil 3 Wochen LinkedIn Pause (warum zum Teufel postest du dann trotzdem diese Bilder aus dem Urlaub?)
Mein Sommer? Mitten in der Stadt, Balkon zum begrünten Innenhof.
Nicht aus Überzeugung oder neu gefundenem Minimalismus, einfach weil iss derzeit einfach nicht drin.
Ich hab die letzten Jahre verdammt gut gelernt mit sehr sehr wenig Geld auszukommen. Glaub mir Balkonien in Dauerschleife ist auch nicht mein Traum. Es geht auch nicht darum daß ich unbedingt auch mal im Luxusflieger nach Bali will, es geht darum daß ich es KÖNNTE, wenn ich wollte.
Aber ich weiß, ich bin dabei es zu ändern.
Weißt du was ich nicht im Feed habe?
All die Frauen denen es ähnlich geht wie mir.
Die genau in dieser Lage sind, sich aber schämen darüber zu sprechen.
Aus Scham, „nicht erfolgreich“ zu wirken.
Aus Scham, und Angst Respekt und Aufträge zu verlieren wenn sie es erzählen.
Auch Businessfrauen, auch Führungskräfte, auch Menschen die nach außen als erfolgreich gelten. Oder gerade diese.

Ich hab kürzlich mal wieder den Podcast von Mel Robbins gehört. Diesmal mit Tiffany Alice „the Budgetista“.
Zwei Frauen, die heute Millionen erreichen und erwirtschaftet haben, und die beide schon so pleite waren daß sie ihre Wohnung verloren haben, wieder bei den Eltern einziehen mußten….
und aus Scham niemanden etwas davon erzählt haben.
Scham ist unser aller Thema, Scham ist größer als Geld
Wisst ihr wie schnell Frau in so eine finanzielle Schieflage rutschen kann?
Ein Auftrag platzt, eine Krankheit bremst dich lange aus, eine Trennung, Pflegefall in der Familie oder auch plötzlicher Jobverlust oder du fällst auf einen Betrüger rein.
Ok Seelenstripetase wie schnell sowas gehen kann:
Ich war happy.
In einer guten Beziehung, dachte ich.
Guter Job, gutes Gehalt, schöne Wohnung, viele Freunde, volles Leben.
Er machte sich selbstständig. Ich sprang ein, wenn er seinen Anteil nicht zahlen konnte: Miete, Strom, Einkäufe, Tanken, Reparaturen.
Ich dachte: Sobald sein Business läuft, wird es leichter.
Verträge? Misstrauen? Kam mir nicht in den Sinn. Er war Corpsstudent und sprach ständig von Ehre und so.

Als mein Gehalt nicht mehr reichte, nahm ich einen zweiten Job an. Dass er das auch hätte tun können, kam mir nicht in den Sinn.
Dann das Ultimatum: Drei Monate, dann sucht er sich einen festen Job. Stattdessen fand ich heraus, dass er eine andere hatte. Wir trennten uns.
Auf meine Frage nach dem Geld lachte er nur: „Dann verklag mich doch.“
Zu dem Zeitpunkt verdiente er längst wieder gut, als Offizier im Anwaltscorps der Bundeswehr.
Schock. Dann Scham. Scham über meine Dummheit. Meine Naivität.
Und als wäre das nicht genug, verlor ich gleichzeitig auch noch meinen Job, interne Umstrukturierung.
Ich konnte die Wohnung nicht halten. Rechnungen und Mahnungen stapelten sich. Ich wurde zur professionellen Lügnerin: „Ich hab leider keine Zeit für Kino.“ „Am Wochenende bin ich schon verabredet.“ „Ich hab Migräne. Grippe. Kopfschmerzen.“
Alles, um nicht zugeben zu müssen, wie es wirklich stand.
Daß bald niemand mehr anrief um mich zu fragen ist glaub ich auch klar.

Was macht so eine Situation körperlich mit dir?
Für mich war es so, all meine Energie ging nicht mehr ins Leben sondern ins Jonglieren von Mahnfristen und Zahlungen.
Ich war permanent am Rechnen, was kann ich irgendwie noch schieben, was geht nicht mehr und muß sofort bezahlt werden, reicht es noch für Lebensmittel bis Monatsende….
Ich hab nicht mehr gut geschlafen weil mein Kopf die ganze Nacht jede Summe durchging, immer wieder und wieder.
Jede unerwartete Ausgabe war ein kleiner Paninanfall.
Ich funktionierte nur noch, und das mit immer weniger Reserven.
Und das ist nicht nur „mein Empfinden“:
Studien zeigen, dass finanzielle Unsicherheit stark mit Depression, Angststörungen und körperlichen Beschwerden korreliert (Infodienst Schuldnerberatung: Schulden machen krank, Krankheit macht Schulden).
Chronischer Geldstress hält den Cortisolspiegel hoch – das schwächt das Immunsystem, erhöht Blutdruck, fördert Schlafstörungen und macht anfälliger für Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Wechseljahre ich liebe Euch (nicht)
„Als ob finanzielle Unsicherheit, Trauer um eine Beziehung und die Scham über meine eigene Naivität nicht gereicht hätten, mischten sich auch noch die ersten Wechseljahresbeschwerden ein.

Mein Körper spielte nicht mehr mit. Hitzewallungen mitten in der Nacht, Schlaflosigkeit, Stimmungsschwankungen. Dazu der ständige Stress wegen Geld und die Trauer über das, was mal war.
Die Wechseljahre sind ohnehin schon eine Achterbahn, in Kombination mit finanziellen Sorgen und psychischer Erschöpfung fühlt es sich an, als ob alle Sicherheitsnetze gleichzeitig reißen.“
Wie Scham nicht nur körperlich und psychisch fürchterlich ist sondern auch noch jeder Lösung im Weg steht:
Es war mein Schweigen, das mich festhielt. Und das ist keine Einbildung. Ökonomischer Missbrauch hält Menschen in 99 Prozent der Gewaltbeziehungen. Er erhöht das Risiko für psychische Belastung bis um das Vierfache.
„Das Gehirn verändert sich. Finanzielle Kontrolle wirkt wie Trauma. Immer wieder zu hören, du bist hilflos, das schafft ein Muster von erlernter Gefangenschaft.“

Wenn dann noch das Netzt fehlt
Ich hatte vorher schon kein wirklich stabiles Fundament, keine Familie die zu mir stand
Die Freunde waren damals alles seine, ich war ja noch relativ neu in Köln, kam aus München.
Als es kippte, fiel ich im freien Fall. Es fühlte sich an, als würden die, die meinen Sturz sahen, mir noch einen zusätzlichen Tritt geben, damit ich schneller unten ankomme.
Heute weiß ich, ich war kein Einzelfall:
In 94–99 % der Fälle häuslicher Gewalt tritt auch finanzielle Kontrolle auf. Sie hält Betroffene in Beziehungen, weil sie glauben, nicht allein überleben zu können (NNEDV).
Frauen, die finanziell kontrolliert oder ausgenutzt werden, haben ein bis zu vierfach erhöhtes Risiko für Depressionen und Suizidgedanken (Journal of Interpersonal Violence).
Scham macht aus möglichen Auswegen gefühlte Selbstanklagen.
Und so bleibt Frau, im Stillen, noch länger in Situationen, die einen ausbluten lassen.
Meine Lösungsidee: noch mehr leisten
Ich war überzeugt davon, ich hab mit meiner Dummheit die Verantwortung für die Schulden, also muß ich auch dafür sorgen sie abzubezahlen.
Also nicht nur einen neuen Ganztagsjob gesucht, in eine kleinere und lange nicht so schöne Wohnung umgezogen, alles verkauft was sich zu Geld machen ließ…
Sondern direkt noch 2 weitere Jobs.
Noch mehr arbeiten, noch mehr verzichten, noch weniger leben.
Morgens um 4 raus und Abends teilweise erst gegen 21.00 heim, 7 Tage die Woche
Essen nach dem Preiszettel, nicht nach Nährwert oder Gesundheit.
Stell dir vor, Pommes und Nudeln sind billiger als frisches Gemüse, Butterbrot mit Marmelade übrigens auch.
Und weil das ja alle „wissen“:
Für das Übergewicht, für das du dich dann auch noch schämen darfst, bist du natürlich auch selber schuld. Warum nicht, du bist eh an allem Sch…. schuld und darfst dich dafür schämen.
Dass Stresshormone, Schlafmangel, billige Kalorien und Daueranspannung auch am Körper zerren, sagt niemand dazu.
Ich war allein mit all dem Schlamassel, ich hab nur selber verzichtet. Wie das ist wenn ich auch noch für Kinder verantwortlich bin. Kinder die mitfahren wollen in Schulveranstaltungen, auf den Kirmes, einfach auch mit dabei sein wollen und es nicht verstehen warum Mama immer nein sagt, ich kann es mir gar nicht ausmalen.
Der universelle Scham-mechanismus
Dieses Muster ist überall ähnlich:
Gewalt in der Partnerschaft → „Warum bist du nicht gegangen?“
Vergewaltigung → „Selbst schuld, mit den Klamotten…“
Finanzielle Ausnutzung oder Betrug → „Schön doof, hättest du halt…“

Statt Hilfe gibt es Beschuldigung.
Selbst da, wo Schutz sein sollte, Polizei, Justiz, Beratung, wird oft noch getreten.
Und wer schon am Boden liegt, traut sich noch weniger, die Hand auszustrecken.
Mach dich nicht allein, hol dir jemanden mit der du reden kannst, wenn alle Stricke reißen funk mich an
Sprich darüber, ohne dich zu rechtfertigen.
Es tut so gut das einmal jemandem zu erzählen, zu merken du bist nicht alleine.
Wenn du wie ich damals niemanden in deinem Umfeld hast, schau ob es Sozialpsychiatrische Beratungsstellen gibt, ruf die Telefonseelsorge an oder funk mich an.
Nur rede mit jemandem darüber
Wenn du darüber sprichst, du bist nicht verpflichtet sofort alles zu sagen, kompletten Seelenstripease zu machen. Aber wenn du etwas sagst, sag es klar, nicht als Andeutung, nicht als Köder. Und wenn du sagst: „ich fühl mich so dämlich weil ich ihm geglaubt habe, diesen Fehler gemacht habe, mir das passiert ist….“ dann sag es.
Ja du darfst dich auch mal doof fühlen dafür, dich schämen dafür, nicht immer ist alles positiv oder muß direkt als „was kann ich daraus lernen oder was hat das Leben mir gutes damit tun wollen….“
Sorry aber manchmal ist Scheiße einfach Scheiße. Laß es raus wie du dich gerade fühlst.
Und dann beweg den Hintern und steh auf. Suhl dich nicht drin sondern geh los und hol dir praktische Hilfe.
Mein Punkt bei dem Ganzen ist:
Ich will daß wir anfangen, die Realität zwischen Bali und Balkonien sichtbar zu machen.
Ohne Mitleidsgedöhnsrat, ohne Glitzerfilter aber auch ohne Schuldschleier.
Einfach echt. Sowas passiert halt mal, kann uns allen passieren, genau wie Krankheit, Behinderung, Einsamkeit, Unfälle. That´s live
Weitere schlaue Blogartikel zum Thema hab ich hier:

Das war heute mal wieder sehr tief in meiner schlimmsten Zeit.
Was ich gelernt habe: Irgendwie gehts immer weiter. Solange du dich hochkrabbelst und willst. Irgendwie findet sich ein Weg.
und ich mein das mit dem Anfunken
Toni