Das Patriarchat verändern, Gleichberechtigung schaffen, mehr Fairness, besser auf unsere Welt achten, auf die Umwelt….
Klingt alles toll.
Nur wie genau soll diese neue Welt denn aussehen?
Wie wird die Macht verteilt?
Was ist diese Macht überhaupt?
Muss sie verteilt werden, oder könnten wir sie völlig neu managen?
Wer würde dabei gewinnen, wer verlieren?
Muss jemand verlieren?
Was wird verloren oder gewonnen?
Du siehst, tausende Fragen.
Je mehr ich mich mit dem Thema Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Macht beschäftige, desto weniger Antworten finde ich, nur immer mehr Fragen.
Gerechte Welt, geht das?
Die Zynikerin in mir will sagen „Nein, das wird es nie geben. Es wird immer welche geben die einen Knüppel in die Hand nehmen und sich damit mehr verschaffen als andere. Egal ob mehr Macht, mehr Geld, Hauptsache mehr“
Die immer noch vorhandene Träumerin meint „Es wäre vernünftig, eine Welt in der alle genug haben, eine in der keine Kriege geführt werden, nur damit die die eh schon viel haben noch mehr bekommen. Wenn alle genug haben, auch Freiheit und Sicherheit, dann sind doch gar keine Gründe mehr da für Kriege, oder nicht?“
Die Realistin in mir hat ganz andere Fragen:
Was ist denn Gerecht?
Was ist Freiheit?
Was ist Macht genau?
Ich mein die Mullahs im Iran finden es gerecht, alle die ihnen nicht in den Kram passen zu vernichten. Ich eher nicht.
Oder ist hier die „Gerechtigkeit“ eine Form von Macht, eine sehr plumpe aber wirkungsvolle. Einfach Ideologie + Angst verbreiten + Identität zur Macht verdichten und gnadenlos anwenden.
Das wäre dann der Gedanke von Max Weber in Reinform.
Also was ist Gerechtigkeit denn jetzt? Wer bestimmt das?
Oder ist es wirklich so wie ich vermute: Gerechtigkeit ist kein objektiver Zustand, sondern immer abhängig von Machtstrukturen?
Freiheit: Freiheit wovon und für wen?
Die meisten Männer hier im Westen fühlen sich bestimmt sehr frei.
Sehr viele Frauen nicht ganz so.
Queere Menschen noch weniger.
Woran machen wir das fest, was Freiheit ist?
Derzeit ist Macht bei uns, eigentlich fast überall, immer von oben nach unten.
Es gibt immer (meistens einen Mann) jemanden, der oder die bestimmt und der Rest muss sich dem fügen.
Bei uns ist es sanfter, in anderen Ländern deutlicher, das Ergebnis bleibt aber ähnlich.

Eine gerechte Welt. Wie genau wäre sie denn dann?
Ich bin keine Philosophin, hab ich nie gelernt. Meine Denke ist meistens eher gradlinig als verschwurbelt. Trotzdem stolpere ich über solche Gedanken.
Wann wäre die Welt gerecht?
Für wen wäre sie dann gerecht?
Gäbe es auch Menschen die es anders empfinden würden und wenn ja warum?
Und wenn wir sie so hinbekämen, dass 90% sie als gerecht empfinden, ist sie das wirklich oder hat da nur jemand mit viel Charisma es hinbekommen, dass so viele es glauben?
Wenn ich mir anschaue, wie viel Menschen in USA großartig finden was MAGA da produziert, ihren Donald immer noch anhimmeln und alles was er tut entschuldigen, die finden es wirklich gerecht wenn Menschen erschossen werden, wenn ihre Nachbarn auf der Straße von ICE eingesammelt und irgendwo eingesperrt werden, nur weil sie anders aussehen oder einen Akzent haben.
Die USA wurde ausdrücklich als Nation gegründet in der jeder seinem Glauben folgen kann. Trotzdem wird ständig der christliche Glaube überall als das einzig wahre propagiert.
God bless Amerika.
Bei dem Spruch kommt mir unwillkürlich immer der Gedanke: „welcher Gott denn? Gibt da so ein paar tausend, die auf dieser Welt angebetet werden.“
Trotzdem finden sehr sehr viele das gerecht was da abläuft.
Also was ist Gerechtigkeit denn jetzt?
Freiheit ist auch so ein merkwürdiger Begriff
Wann bin ich frei?
Vor allem wovon bin ich frei?
Definiert das nicht auch jede*r anders?
Klar gibt es sehr deutliche Freiheiten die wir haben oder auch nicht.
Freiheit die eigene Meinung zu sagen, ohne dafür verhaftet oder gar erschossen zu werden ist etwas, was ziemlich klar ist, oder?
Wenn ich mir anschaue, wie viele überall der Ansicht sind, ihre Ablehnung von allem was nicht zu 100% ins eigene Weltbild passt, in die eigenen Anschauungen, Religionen (oder deren Auslegung), ihr Hass, wäre eine Meinung…
Wo ist da die Grenze zur Freiheit?
Was wenn die Freiheit meiner Ansichten andere einschränkt?
Bestes Beispiel Iran:
Die religiösen Oberfuzzis dort fühlen sich frei, die Bekleidung aller Frauen einzuschränken. Ihre Ansicht und Religionsauslegung ist: Frauen haben im Haus zu bleiben, ihrem Mann zu gehorchen, sie brauchen weder eigene Meinung noch Bildung oder gar Rechte.
Ist ihre Meinung und sie haben die Freiheit diese zu haben.
Dass Frauen eine etwas andere Meinung haben dürfte klar sein.
Sie haben die Freiheit diese Meinung für sich zu behalten, damit sie nicht umgebracht werden. *Zynismus off*

Jetzt wird es richtig kompliziert: Macht
Ich les eine Menge schlauer Bücher im Moment. Eines davon ist „Weibliche Macht neu denken“ von Eva Thöne.
Und direkt in den ersten Kapiteln stolpert sie über das gleiche Problem, dass offenbar sehr viele schlaue Menschen haben: Was ist Macht eigentlich genau?
Max Weber (1864 – 1920) hatte einen ziemlich brutalen Ansatz für die Frage:
Macht ist die Chance, den eigenen Willen durchzusetzen, auch gegen Widerstand.
(wieso hab ich da sofort das Bild von Trump und co vor Augen?)
Michel Faucault (1926 – 1984) kam mit einer völlig anderen Idee an:
Macht ist nicht nur oben, bei den Mächtigen.
Macht ist überall.
Macht wirkt durch Normen, Sprache und Wissen.
Vor allem dieses „normal“ hat unheimlich viel Macht.
Dann hab ich den Gedanken einer Frau, die ich persönlich super spannend finde:
Hannah Arendt (1906 – 1975). Wer sie nicht kennt, unbedingt lesen, eine absolut faszinierende Frau.
Für sie ist Macht, wenn Menschen gemeinsam handeln.
Für sie ist Gewalt das Gegenteil von Macht, nicht ihre Form.
Also das genaue Gegenteil von Max Webers Gedanken.
Für mich ist die Frage ja auch:
Über wen oder was hab ich denn Macht?
Mit wem habe ich diese Macht?
oder wie ich es bei Eva Thöne gelesen habe:
Power over
Power with
Power within, also meine innere Stärke.
Das ist irgendwie fast eine Kampfansage zur klassischen Machtlogik eines Max Weber.
Macht ist doch ziemlich divers.
Da ist die Macht als Dominanz, wie oben schon genannt.
Dann haben wir die Macht als Fähigkeit zu handeln.
Die Macht als kollektive Kraft.
Und die Macht als strukturelles Netz.
Macht als Dominanz ist die, die wir meistens als schlecht empfinden. Das ist etwas böses, etwas was jemand tut, der über Leichen geht. Ist es das wirklich?
Handlungsfähig zu sein, Gestaltungskraft zu haben, diese Macht möchte glaube ich jede*r von uns gerne haben. Sie wird gerade für Flinta überall auf der Welt sehr eingeschränkt.
Als kollektive Kraft kann Macht sehr stark sein.
München hat einen GRÜNEN, JUNGEN Oberbürgermeister gewählt, einen, der obendrein noch schwul ist (was das mit seiner Kompetenz zu tun hat werde ich nie verstehen, trotzdem ist es leider für viele immer noch wichtig).
Da hat die kollektive Kraft dieser Stadt etwas geschafft, was im Rest des Landes vermutlich zu massiven Magenbeschwerden geführt hat. Söder ist garantiert die Leberkässemmel aus dem Mund gefallen, als er das Wahlergebnis gesehen hat.

Am schwierigsten zu fassen ist dieses strukturelle Netz.
Das bedeutet nämlich, dass Macht kein Ding ist, nichts was wir greifen oder besitzen können. Es ist keine Person oder Titel.
Diese Macht ist das Geflecht, in dem wir alle uns bewegen.
Also mehr wie ein Straßennetz, mit Regeln, Gewohnheiten, Erwartungen, Sprache und Institutionen.
All das zusammen bestimmt dann, wer sprechen darf, wem geglaubt wird, wer gesehen oder wer ignoriert wird.
Das ist auch dieses „das macht man halt so“ oder das noch beliebtere „haben wir schon immer so gemacht“.
Die Normen, nach denen wir alle uns automatisch richten, oft unbewusst und trotzdem oder gerade deshalb so mächtig.
In diesem Sinne ist Macht also nichts was irgend jemand hat.
Kein Besitz den man nutzen kann, den man verlieren oder bekommen kann, der verteidigt werden muss.
Was könnte eine gerechte Welt denn dann sein?
Wenn wir noch nicht mal die Begriffe sauber klären können, so dass sie für alle stimmig sind, wie wollen wir dann unsere Gesellschaften umbauen in Richtung Gerechtigkeit?
Für mich persönlich bedeutet Gerechtigkeit etwas was wir ja auch teilweise schon im Grundgesetz stehen haben: Alle Menschen haben gleiche Rechte, unabhängig ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, Hautfarbe, Religion oder sexueller Ausrichtung. Niemand darf benachteiligt werden.
Dazu gehört für mich auch das Recht auf Asyl, das Recht auf Hilfe wenn es einem nicht gut geht, egal ob Gesundheitlich oder finanziell, das Recht auf bezahlbaren Wohnraum, auf Sicherheit und Bildung. Aber eben auch das Recht auf Würde und Teilhabe.
Und alles nicht nur auf dem Papier sondern auch umgesetzt!
Gerechtigkeit ist kein fixer Zustand, sie ist immer wieder ausgehandelt. Was es schwierig macht, denn da sind nie gleiche Bedingungen, da ist immer ein Ungleichgewicht vorhanden.
Freiheit ist für mich persönlich, wenn niemand anderen die eigenen Ansichten oder Bräuche aufzwingt, alle frei gehen können wohin sie wollen, sich verwirklichen dürfen.
Freiheit bedeutet nicht, dass ich alles tun kann was ich will.
Es bedeutet, ohne Zwang auch anders leben zu dürfen, als andere es sich vorstellen.
Und nein, du wirst nicht eingeschränkt weil mein Verhalten nicht mit deinen Ansichten überein stimmt.
Ich dafür definitiv schon, wenn deine Ansichten mich zwingen mich anders zu verhalten, zu kleiden etc oder ansonsten mit Strafe zu rechnen.
Die Grenze ist immer dort, wo aus einer Überzeugung der Anspruch erwächst, die Kontrolle über andere auszuüben.
Und Macht ist schwierig.
Sie läuft meistens über Selbstverständlichkeiten die gar nicht groß hinterfragt werden.
Diese „das macht man so und so“ oder „das war schon immer so“, „das gehört sich so“.
Bis sie jemand hinterfragt und wir merken: Hoppala, so „normal“ oder selbstverständlich ist das ja gar nicht, das geht ja auch anders.
Es ist dieses unsichtbare, schwer greifbare System, das bestimmt, was wir für normal halten.
Wer hat denn jetzt die Macht?
Na wir alle.
Wenn die Macht in dem steckt, was wir für „normal“ halten, dann beginnt die Veränderung genau da. Da wo wir, jede*r Einzelne von uns aufhört, Dinge einfach als gegeben hinzunehmen. Wo wir alles hinterfragen und gegebenenfalls auch ändern.
Dieser alte Spruch „stell dir vor es ist Krieg, und keiner geht hin“ besagt das ziemlich gut.
Nur solange wir das Spiel mitspielen, kann es laufen.
Sobald wir nein sagen, nicht mehr mitspielen, es hinterfragen ändern wir die Regeln.
Also haben wir die Macht, einzeln, gemeinsam.
Wenn wir nicht mehr wegsehen, nicht mehr leise sind.
Du willst Ruhe verkaufen und schreibst Kampf um Demokratie
Passt ja irgendwie gar nicht zusammen, oder?
Passt sehr wohl zusammen.
Wie wollen wir Frauen denn Räume für uns haben, wenn wir wieder entmächtigt werden?
Wo wollen wir Ruhe finden, wenn um uns herum Krieg herrscht?
Wie wollen wir unser Leben selbst gestalten in Ruhe wie meinen Räumen, wenn es uns wieder nicht mehr erlaubt wird?
Deshalb kämpfe ich draußen um Demokratie, um Gleichberechtigung, Fairness, Frauenrechte. Damit wir hier drinnen Räume finden können, wo wir nicht kämpfen müssen.
Nur irgendwo müssen wir kämpfen, damit uns nicht wieder alles genommen wird.

Bis demnächst wieder mal
Antonia mit der großen Klappe
Literaturhinweise
Die sind diesmal ziemlich umfangreich
Max Weber, der Typ dessen Version von Macht Donalds feuchter Traum ist
Michel Foucault, der das einmal komplett umgedreht hat und sagt dass Macht überall ist
Hannah Arendt, eine unheimlich spannende Frau, hat viele interessante Bücher geschrieben
bell hooks, eine weitere unheimlich faszinierende Frau und Vordenkerin
Judith Butler, noch eine ganz tolle Frau, die zum Thema Macht und Gender sehr viel kluges geschrieben hat
Eva Thöne, deren Buch „weibliche Macht neu denken“ ich oben ja schon erwähnt hatte
Es gäbe noch so viele weitere tolle Menschen zu erwähnen, dann würde dieser Artikel nie fertig werden. An dem Thema haben sich schon viele die Zähne ausgebissen.







