Die Tage war ich mal wieder die böse, verständnislose, verknöcherte Kinderhasserin.
So schnell wird man abgestempelt, wenn man es wagt, nicht nur Verständnis für Familien, sondern auch für diejenigen einzufordern, die Ruhe brauchen.
Es gab einen Post bei LinkedIn, eine Familie landet nach Zugausfall mit drei Kindern im Ruhebereich. Sie tun wirklich was sie können um die Kinder leise zu halten. Eine Seniorin weist irgendwann auf das Schild „Ruhebereich“ hin, und sofort kippt die Stimmung.
Die Frau wird abgewertet, lächerlich gemacht, angeblafft daß sie ohne Kinder ja keine Rente bekäme, sie gilt sofort als Spaßbremse und unmöglich.
Und genau da liegt das eigentliche Problem: Bedürfnisse nach Stille, nach Abgrenzung und Rückzug gelten als lächerlich, als nicht so wichtig.
Verständnis und Rücksicht sind keine Einbahnstraße
Völlig klar, Kinder sind lebhaft, lauter und sie brauchen Raum. Keine Gesellschaft überlebt ohne Kinder.
Eltern stehen bei uns unter Dauerrechtfertigungsdruck: Kinder stören im Restaurant, im Flugzeug, im Supermarkt. Sie wollen ihren Kindern Freiheit geben, die Möglichkeit sich zu entfalten, ihre Umwelt zu entdecken, stoßen aber ständig auf Blicke und Beschwerden.
Vor allem auch Mütter bekommen das zu spüren, zusätzlich zu allem anderen was sie ausbaden dürfen, im Job (ist sie noch belastbar? arbeitet sie jetzt nur noch Teilzeit?…), finanziell, später bei der Rente….. Zu all den gesagten oder gedachten Vorwürfen und Erwartungen von der egoistischen Karrierefrau bis hin zur Rabenmutter. Warum wird Männern das nie vorgeworfen? Egoistischer Karrieremann der trotz Kinder Vollzeitjob macht???
Natürlich fühlte die Mutter sich in o.g. Szene mit ihren Bemühungen nicht gesehen und anerkannt. Sie hatte sich solche Mühe gegeben die Kinder möglichst ruhig zu halten, sie konnte auch nichts dafür, daß sie im Ruheabteil gelandet waren wegen des Zugausfalls.
Auch diese Mutter hatte ein Bedürfnis das hier zu kurz kam. Eine wirklich beschissene Situation für alle.
Aber eben auch das Ruhebedürfnis der Seniorin ist legitim.
Und hier kommt der Punkt, an dem ich mein Leben lang anecke: Ich sehe beide Seiten.
Ich habe Verständnis für die Mutter, die innerlich zerreißt, weil sie trotz all ihrer Mühe nicht gesehen wird.
Ich habe Verständnis für die Seniorin, die schlicht Ruhe braucht, weil ihr Nervensystem das sonst nicht aushält.

Das heißt nicht, dass beide „gleich recht“ haben. Es heißt: beide haben Bedürfnisse, die zählen.
Und genau da beginnt das eigentliche Problem – unsere Gesellschaft hat keinen Raum für dieses Sowohl-als-auch.
Wer es trotzdem ausspricht, bekommt Gegenwind von beiden Seiten.
Es gibt unzählige Gründe, warum Kinderlärm für jemanden schwer auszuhalten ist, das muß nicht immer wie oft vermutet einfach Grant sein bei älteren Leuten.
Da gibt es garantiert noch tausend weitere Gründe warum es verdammt schwer ist und ein Kopfhörer oder Augenklappen halt nicht reichen um es zu ertragen.
Und selbst wenn es „nur“ Übermüdung ist, auch das verdient Respekt und Verständnis.
Es wird eine Grenze gesetzt, ein mir wird es zuviel ausgesprochen. Darüber kann freundlich und höflich gesprochen werden. Sich darüber lächerlich zu machen ist nicht ok. Meine Meinung.

Mein Alltag daheim
Ja ich kenne beide Seiten, als meine Neffen klein waren war ich begeisterte Tante und Babysitterin.
Ich weiß, daß ich in dem Moment die Kinder völlig anders wahrgenommen habe, und wie sehr ich mich manchmal bemüht habe sie ruhig zu halten.
Ich kenne halt aber auch die Seite einer Nachbarin von Familien mit Kindern.
Über mir wohnen 2 Kindergartenkinder. 2 Stockwerke über mir!! Wenn die rumtoben klirren bei mir die Gläser im Schrank. Es hört sich oft an als würden da oben Möbel gerückt oder würden umfallen. Ich darf nichts sagen, auch nicht um 22 Uhr, sind halt Kinder…
Gegenüber wohnt unten ein Paar mit Säugling und Kleinkind, da sind mehrmals die Woche ganztägige Playdates mit 4 weiteren Kindern, direkt im Innenhof (es hallt wunderbar) unter meinem Balkon.
Eine Chance da meinen Balkon auch mal in Ruhe nutzen zu können? Null, geht mir wie den anderen 40 Parteien in den Häusern rund um den Innenhof. EINE Familie mit Kindern und 40 Mietparteien dürfen es in dem Fall ertragen, können ihren Balkon kaum nutzen und dürfen nichts sagen weil sind halt Kinder.
Das ist kein Angriff auf Kinder oder Familien, es ist ein Angriff auf die Einseitigkeit mit der die Bedürfnisse bewertet werden. Verständnis wird immer von einer Seite eingefordert, selten auch gegeben. Wir anderen sollen den Mund halten, es ertragen, uns Kopfhörer kaufen…
Grenzen gibt es überall
Das Beispiel mit der Bahn lässt sich beliebig fortsetzen:

Was für die eine normal oder schön ist, kann für andere zur Qual werden.
Ein Freund von mir hört manche Geräusche so intensiv, daß ihm Dinge, die ich kaum bemerke wirklich körperliche Schmerzen verursachen. Das Quietschen einer einfahrenden U-Bahn, ein Martinshorn, selbst eine sirrende Lampe sind für ihn Folter, während sie für mich einfach Hintergrundgeräusche sind.
Das ist weder Einbildung noch Schwäche, das ist Neurobiologie, wir sind schlicht nicht alle gleich verdrahtet, nehmen unterschiedliche Reize unterschiedlich wahr.
Psycholog:innen sprechen von Hyperakusis, wenn Geräusche wie das Quietschen einer U-Bahn oder ein Martinshorn körperlich schmerzhaft erlebt werden. Studien zeigen, dass das besonders nach Phasen wie Burnout, Depression oder Trauer auftreten kann: Das Nervensystem ist so überlastet, dass selbst normale Reize zu viel werden. Auch starke Gerüche oder grelles Licht können dann zur Folter werden.

Es geht nicht um Kinderhass sondern um Abweichungen von der sogenannten Norm was auch immer das ist
Wer hat bestimmt wieviel von welchen Geräuschen wir ertragen müssen? Wieso müssen wir ständig etwas schweigend aushalten? Wer setzt diese Norm?
Es geht doch nicht darum Kinder zu verbieten oder zu erwarten daß sie sich in Luft auflösen. Es geht auch nicht darum Motorräder zu hassen, Düfte zu verbieten.
Es geht mir darum wieder ein Miteinander zu schaffen, zu respektieren, daß andere halt andere Schwellen haben und andere Bedürfnisse. Darum Räume und Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen, unsere Gesellschaft offener zu machen für unsere Unterschiede.
Nicht umsonst gibt es in immer mehr Geschäften die stille Stunde zum Einkaufen. Es dringt langsam durch, daß nicht alle mit dieser Reizüberflutung, grellem Licht, akustischen Reizen klarkommen können. Wir sind nun mal unterschiedlich und das ist wundervoll.
Familien brauchen Orte und Wohnungen wo Kinder laut und lebhaft sein dürfen, ohne daß sich die Eltern ständig schuldig fühlen.
Andere Menschen brauchen Orte wo Ruhe zählt (nein ich meine nicht nur Kirchen und Büchereien) ohne daß sie direkt verteufelt werden.
Wir verteufeln alles was nicht in unsere ganz persönliche Norm und Erwartung paßt.
Ob das jetzt eine Studentin mit Burka ist, die zur Prüfung ihr Gesicht nur einer Frau zeigen will bei der Einlasskontrolle.
Ob das eine Frau ist die klar und bestimmt ihre Meinung sagt und unbequem ist.
Ob das jemand ist der mehr Ruhe braucht als man selbst oder weniger helles Licht oder oder oder
Vielfalt geht nicht ohne mehr Rücksicht
Wenn wir Vielfalt ernst meinen, dann heißt das auch solche Unterschiede aushalten, respektieren und wertschätzend miteinander umgehen.
Das Problem ist doch, wir haben gelernt Grenzen nur zu respektieren, wenn sie uns selbst nicht einschänken, sie in unser persönliches Weltbild passen.

Das fängt bei der „meckernden“ Seniorin an und hört bei Menschen die völlig anders ticken als wir auf.
Wir alle wollen doch gesehen werden, wollen daß unsere Bedürfnisse und Grenzen respektiert werden. Und wir alle haben nun mal sehr unterschiedliche Bedürfnisse und Grenzen, das macht es unbequem, anstrengend aber auch interessant. Wir dürfen nur langsam wieder lernen das zu respektieren anstatt uns ständig spalten zu lassen.
Ruhe ist kein Luxus, kein nice to have
Mal ein paar Zahlen:
Hochsensibilität bestrifft ca 15-20% der Bevölkerung. Das bedeutet also jede:r 5. verarbeitet Reize intensiver, filtert weniger weg und reagiert viel stärker auf Lärm, Licht, Gerüche und Emotionen.
Geräuschempfindlichkeit, also speziell wenn Geräusche als unangenehm oder sogar schmerzhaft erlebt werden: da werden ca 2-9% der Bevölkerung geschätzt, bei Menschen mit Depressionen, Angststörungen, Migräne oder Burnout ist die Rate erheblich häufiger
sensorische Überempfindlichkeit ist grundsätzlich schwieriger zu erfassen, Menschen mit ADHS, Autismus, Angststörungen oder nach Trauma und Depressionen haben ein deutlich höheres Risiko sensorisch überlastet zu werden, da wird von ca 30-40% dieser Gruppe gesprochen.
Menschen mit ganz normalen Kopfschmerzen, Übermüdung und ähnlichem sind da noch gar nicht mit drin.

Ein sehr kontroverses Thema für daß ich auf social Media schon mehrfach einen Shitstorm bekommen habe.
Irgendwie müssen wir es doch zum Donnerdrummel hinbekommen miteinander rücksichtsvoll umzugehen und zu leben. MITEINANDER