Schuldgefühle und schlechtes Gewissen sind bei uns Frauen irgendwie schon festverdrahtet, glaube ich. Als wären sie uns bei der Geburt mitgegeben worden. Ständiges „ich bin nicht gut genug“, „ich bin zu viel“, „ich bin zu…“ kommt dann noch obendrauf.
Die Außenwelt muß uns noch nicht mal kritisieren, das machen wir selber schon vorauseilend selber besser als andere das jemals könnten.
Das Grundrauschen des schlechten Gewissens
Schlechtes Gewissen ist bei Frauen kein Randthema, es ist eher ein Grundrauschen.
Egal ob bei Müttern, Töchtern, Kolleginnen, Führungskräften und Businessfrauen, bei Frauen ohne Kinder, wir alle kennen diese innere Stimme.
Du sagst klar Nein, egal ob im Job oder privat. Und schon ist es wieder da, seine Stimme im Hinterkopf: „war das nicht ein bisschen zu hart?“, „hättest das nicht netter sagen können, oder zumindest begründen?“, „irgendwie hättest das schon machen können, das war jetzt nicht nett“…..
Du gibst kritisches Feedback, freundlich aber klar. Schon ist die Stimme wieder da: „Das hättest du jetzt nicht so hart sagen müssen“, „War das nicht zu verletztend, zu deutlich, zu kritisch…“
Du nimmst dir einfach mal zwei Stunden für dich, einfach so. „du bist ganz schön egoistisch, in der Zeit hättest du locker …. für xy machen können“
Oder Du sagst klar und deutlich, daß du verdammt gut bist in dem was du tust. „jetzt bist aber schon ganz schön überheblich, bist du wirklich so gut, da und dort könntest du noch besser sein und xy kann das sicher besser als du“….
In Beziehungen das gleiche Spiel, du willst zuviel oder zuwenig Nähe, deine Bedürfnisse sind zuviel.
Als Tochter bist du undankbar wenn du nicht permanent verfügbar bist, auch mal nein sagst etc
Als Freundin meldest du dich zu selten oder klammerst zu viel….
Irgendwas zu… ist immer, das schlechte Gewissen, dein liebes Schuldgefühl ist immer da um dich zu nerven. Hat es bei dir einen Namen? Meines heißt Tussnelda.
Das Muster ist immer dasselbe, nie genug sein, alternativ zuviel sein.
Dieses Schuldgefühl macht aus jeder Seite der Medaille eine Anklage. Gewinnen kannst du also nie.
Je erschöpfter du bist, desto schneller springt es dich an.

Mütter, wie eine Lupe für gesellschaftliche Schuldgefühle
Ich hab das Gefühl, Mütter bekommen mit der Geburt des ersten Kindes noch einen Nachschlag an Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen.
„Herzlichen Glückwunsch, hier ihr Neugeborenes, das Zusatzpaket Schuldgefühle hab ich direkt mit eingepackt“.
Allein die Etiketten die Mütter bei uns haben sprechen da eine deutliche Sprache:
Rabenmutter, Karierre-Mama oder Working Mom.
„Nachgewiesen ist der deutsche Begriff ‚Rabenmutter‘ erstmals 1350 in der Verwendung durch Konrad von Megenberg für Mütter sowie der Begriff ‚Rabeneltern‘ 1433 durch Konrad Bitschin. Über das Schmäh- oder Schimpfwort wird Mutterliebe bzw. Elternliebe als Pflichtgefühl dargestellt.“ Quelle Wikipedia
So lange gibt es dieses Schimpfwort schon, so lange pflanzt es sich in unseren Genen fort.
Selbst positiv klingende Etiketten wie Löwenmutter, was ja erst mal nach Stärke und Power klingt ist beim näheren Hinsehen wieder so eine Falle. Sie ist stark und opfert sich auf für ihre Jungen, für sie ist wieder nichts übrig.
Natürlich kämpfen Mütter für ihre Kinder, aber sollten das die Väter nicht auch machen?
Warum gibt es keine Löwenpapas? Oder Working Dads, Karriere-Väter denen vorgeworfen wird ihre Kinder zu vernachlässigen?
Wie immer ist Sprache und Sozialisation da ganz wichtig
Rabenmutter ist nur ein Wort. Aber eben eines daß sofort aburteilt, direkt ein Bild von vernachlässigten Kindern malt, mit einer Mutter die sich vergnügt oder arbeitet anstatt ihrer „eigentlichen Bestimmung“ nachzugehen. Die Bilder sind bei einer Working-Mum oder Karriere-Mama nicht anders.
Ich hab nicht in Erinnerung daß Herr Genscher jemals gefragt wurde wer seine Kinder betreut (keine Ahnung ob er welche hatte), Frau Baerbock wurde das sehr häufig gefragt bzw. ihr vorgeworfen.
Wir wurden genau wie unsere Mütter und deren Mütter so sozialisiert. Brav zu sein, zu dienen, für andere dazusein und uns für sie aufzuopfern.

Es geht ja schon wieder los, mit diesen unsäglichen Posts von „echter Weiblichkeit“, „weiblichen Energien die sanft, dienend, zurückhaltend und gebend“ sind.
Wieder diese Bilder wie Maria in der Bibel, ihre einzige Rolle ist die Mutter eines Kerls zu sein, ansonsten ist sie unsichtbar. Ach ja, und Jungfrau ist sie noch, nicht mal das hat sie vom Leben. Reinheit, Keuschheit und Opferbereitschaft….
Dazu kommen noch die Strukturen in der Gesellschaft, die leider auch 2025 immer noch sehr stark sind, die diese Geschichten verstärken.
Karriereknick nach der Erziehungszeit, durch Teilzeit weniger Einkommen, weniger Rente, Abhängigkeiten durch das geringere Einkommen und bei Trennung durch das Ehegattensplitting.
Epigenetik, wenn Schuldgefühle in den Genen sitzen
Ich hab bis vor kurzem noch nie von Epigenetik gehört. Spannend spannend.
Epigenetik beschreibt, wie Umwelt und Erfahrung Gene an- oder abschalten, ohne daß sich die DNA-Sequenz dabei verändert. Total irre, oder? Wie das passiert hab ich auch nicht wirklich kapiert, anscheinend bestimmte Markierungen auf der DNA. Kann man hier nachlesen.
Erste Studien und Übersichtsbeiträge zeigen, daß Belastungen wie Krieg, Hunger, Flucht oder massiver Streß solche Spuren hinterlassen können.
Die Forschungen haben so ca 1960 angefangen bei Nachkommen von Holocaust-Überlebenden. Da wurde deutlich, daß die Nachfahren stark traumatisierter Eltern Symptome gezeigt haben als hätten sie selbst die Traumata erlebt.
„Gleichzeitig betonen Forschungsüberblicke: Wie stabil solche Markierungen in Menschen über mehrere Generationen sind, ist weiterhin Gegenstand intensiver Forschung. Sicher ist: Umweltfaktoren in sensiblen Phasen prägen Entwicklung tiefgreifend. Wie viel davon epigenetisch über Generationen „getragen“ wird, wird differenziert untersucht.“ Quelle
Bedeutet also ganz klar: Schuldgefühle und Angst sind nicht nur Geschichten in unserem Kopf, sie können als Muster in unseren Körpern sitzen. Manchmal über Generationen hinweg.
Das erklärt auch, warum manchmal ein beiläufiger Satz reicht, daß bei uns das alte Alarmsystem sofort anschlägt.
Wenn es in den Genen ist kann ich ja nicht mal was dagegen tun, oder?
Doch können wir. Nicht die Gene ändern, das geht tatsächlich nicht. Aber wir können an den Schaltern arbeiten, das ist durchaus realistisch und machbar.

Wir können die Streßkreisläufe unterbrechen.
Schuldgefühle verursachen Dauerstreß.
Alles, was unser Nervensystem regelmäßig beruhigt dreht an diesen epigenetischen Schaltern. Das kann sein: Schlafpflege, Atemrituale, Spaziergänge in der Natur (ohne Handy und co), zielloses Zeichnen (wie mein freies Neurozeichnen), Stille und Meditationen.
Nicht als Leistungsprogramm ala „ok, laut ToDo Liste ist jetzt der tägliche Spaziergang dran, bringen wir ihn schnell hinter uns“, sondern wirklich als Erlaubnis mal unproduktiv zu sein, egoistisch im Sinne von Selbstfürsorge.
Es wird noch dran geforscht, völlig klar, aber so wie es bisher ausschaut kann Bewegung, ausreichend Schlaf und grundsätzlich Entspannung ohne Leistungsdruck da tatsächlich was verändern.
Wir können neue, positive Erfahrungen immer wieder wiederholen.
Epigenetische Muster reagieren darauf.
Jedes klare Nein, daß nicht im Chaos endet (oder in tausend Entschuldigungen, egal ob sie nur in deinem Kopf sind oder real).
Jede Pause, nach der nichts zusammengebrochen ist.
Jede Grenze die du für dich gesetzt, und gehalten hast.
All das ändert die Muster. Die Wiederholung macht aus Ausnahmen Normalität. Aus den Alarmen und Schuldgefühlen Geschichte.
Natürlich können wir auch die Reaktion auf die Sprache neu verdrahten.
Worte sind wie Schalter. Wenn wir bestimmte Worte wie Rabenmutter nicht selbst ständig wieder in unserem Kopf verwenden, wenn wir „egoistisch“ durch „selbstfürsorglich“ ersetzen, „zu viel“ durch „kraftvoll“ und so weiter. Das ist nicht Sprachkosmetik sondern Sprachhygiene. Es nimmt auf Dauer diesen Worten den Giftstachel.
Das System adressieren, nicht nur die Symptome
Persönliche Arbeit ist wichtig, vor allem kannst du sie direkt und einfach selber machen. Trotzdem bleiben die Strukturen halt mächtig. Wann immer es möglich ist: teile die Carearbeit sichtbar und ohne schlechtes Gewissen.
Laß nicht zu daß Teilzeit abgewertet wird.
Richte die Fragen nach Verantwortlichkeit auch an die Väter.
Überprüfe immer wieder die Sprache, in deinen Teams, in der Familie.
Dann wird aus „er hilft ja mit“ ein „er trägt genauso“. Aus „Mamas Zuständigkeit“ wird dann Elternschaft und gemeinsame Zuständigkeit.
Kleine Verschiebungen, auf Dauer große Wirkung.

Wozu das alles?
Nicht, damit du endlich besser funktionierst. Ganz ehrlich, die meisten funktionieren viel besser als es uns gut tut.
Es ist damit du wieder atmen kannst.
Damit dein Körper lernt: Nicht jede Bemerkung ist Gefahr, nicht jede Grenze ein Verlust und nicht jede Pause etwas wofür du dich schuldig fühlen mußt.
Du bist weder zu viel noch zu wenig.
Du bist genug und wunderbar wie du bist.
Und das ist nicht Esoterik, das ist Arbeit am System.
Arbeit an deinem System und am großen für uns alle.
Kurzquellen im Überblick
Einführung und aktuelle Debatte zur transgenerationalen Epigenetik auf Deutsch, inkl. Mechanismen wie DNA‑Methylierung.
Deutschlandfunk
Niederländischer Hungerwinter: Mangel im Mutterleib, spätere Stoffwechsel‑Risiken, epigenetische Spur.
Deutschlandfunk
Holocaust‑Nachkommen: veränderte Stressregulation als mögliche Folge elterlicher Traumata.
Max-Planck-Gesellschaft
Forschungsstand: Vererbung epigenetischer Markierungen beim Menschen wird weiter erforscht.
max-wissen.de
Bewegung und Epigenetik: deutschsprachige Übersichtsarbeit zur Wirkung von Training auf Methylierung.
German Journal of Sports Medicine
Ein superspannendes Thema finde ich. Schuldgefühle und schlechtes Gewissen hilft uns nicht, also laßt und was tun.
Bis dann
Toni vom Café Ruhepol
