Ist dir schon mal aufgefallen wie bescheuert unsere Rollenbilder sind? Wie wenig sie mit der Realität die wir täglich sehen zu tun haben? Irgendwie sind es mehr Rollenkorsett als Rollenbilder, oder?
Von so Zeugs wie „echte weibliche Energie“ oder „wahre Weiblichkeit“ fang ich erst gar nicht an.
Wenn du so oder so bist ist das aber unweiblich, nicht feminin genug, unmännlich, zu männlich, nicht männlich genug….. Schwachsinn.
ICH BIN EINE FRAU. Also ist alles was ich tue per Definition weiblich, feminin und mit weiblicher Energie (vermutlich auch ein Anteil männlicher, wie haben schließlich alle alles in uns)
Schon als Kind hab ich mich und meine Mutter immer gefragt was passiert, wenn meine Brüder etwas „unmännliches“ machen.
Fällt ihnen dann was ab oder was passiert dann?
Weil mir völlig klar war: der Staubsauger funktioniert genauso, wenn die ihn benutzen würden, die Geschirrspülmaschine oder Waschmaschine braucht auch keine Variante für Männer.
Die Diskrepanz zwischen Worten und Taten war für mich damals schon nicht nachvollziehbar. Bei und war nämlich so ziemlich alles „Frauenarbeit“. Kochen, Haushalt, Kinder versorgen eh klar, aber ich hab von meiner Mutter gelernt wie man die Bude tapeziert, Fahrräder repariert, den Garten mit ihr zusammen umgegraben, den Rasen gemäht….
Ich hab den Pannenhilfekurs gemacht beim ADAC und wußte wie ich den Keilriemen wechsle, meine Brüder hatten keine Ahnung, die brauchte ich nur weil ich die Schrauben nicht aufbekam.
Du kämpfst wie ein Mädchen
ob er das bei seinen Schwestern gelernt habe wurde mein Bruder mal gefragt.
Er war total erschrocken und antwortete daß er nie so hart zuschlagen würde wie wir, wir würden viel härter kämpfen, sein Kumpel könne froh sein daß er nicht kämpfe wie ein Mädchen.

Was zum Teufel nochmal soll denn echte Weiblichkeit sein? Oder echte Männlichkeit wo wir schon beim Thema sind.
Ich hab mal ein bisschen recherchiert ob diese dusselige Zuschreibung von weich und sanft, fürsorglich = weiblich und hart, laut und durchsetzungsstark = männlich überall gilt und wenn nein seit wann die denn bei uns so Einzug gehalten hat und warum.
Weich und fürsorglich = weiblich
Bei uns war das so im 19. Jahrhundert, als die Industrialisierung begann. Die Männer gingen in die Fabriken, die Frauen blieben daheim für Haushalt und Moral, die Männer in die Öffentlichkeit, Politik, Geld, Macht.
Eine Trennung, die damals künstlich geschaffen und als natürlich verkauft wurde.
Ungefähr um die Zeit kam im USA der Cult of Domesticity auf, zumindest im Osten des Landes, dort wo die sanften, tugendhaften Damen Hauspersonal hatten.
Im eher noch wilden Westen waren die Frauen alles, Farmerin, Mutter, Cowgirl, Outlaw, Gesetzeshüterin, sie konnten kämpfen, schießen. Weich, sanft und unterwürfig keine Chance, sie waren Vollblutfrauen die hart sein konnten wenn nötig, genauso wie die Männer.
Manche erkämpften sich sogar mehr Rechte, in Wyoming z.B. durften Frauen ab 1869 wählen, Lehrerinnen bekamen gleichen Lohn, Scheidungen waren leichter durchsetztbar.
Diese Frauen lebten längst Stärke und Klarheit. Aber die Geschichtsschreibung machte sie wieder unsichtbar, weil sie nicht ins Rollenideal passten. Stattdessen blieb der Mythos vom Cowboy, und die Frau als tugendhafte Hüterin des Heims.
In England zur Viktorianischen Zeit sind die Frauen auch in die Fabriken gegangen, zu lausigeren Bedingungen und weniger Lohn als die Männer, natürlich auch mit viel weniger Rechten als diese.

Vor der Industrialisierung arbeiteten Familien und Geschlechter gemeinschaftlich, auf dem Feld, im Handwerk oder Laden. Erst mit der Eisenbahn, den Fabriken und Massenkosum hat sich das geändert.
Ich bin ja auf dem Land aufgewachsen, so kannte ich das von den Bauernhöfen auch heute noch. Beide Geschlechter arbeiten, kein Teil ist besser oder schlechter als der andere. Alle wissen daß es ohne Zusammenarbeit nicht geht, daß jede Aufgabe wichtig ist für alle.
Das Erwartungskorsett
Sind Frauen nicht so erfolgreich ist die Begründung sie wären ja nicht dafür geschaffen, sind zu nett, zu weich, zu emotional.
Sind sie erfolgreich sind sie zu hart, zu kalt, zu männlich, zu bossy….
Egal was du machst, du verletzt irgendeine Norm.
In der Psychologie nennt man das Double Bind.
Ein verdammt enger Käfig für ein Leben, daß doch so viel größer sein kann.
Ist jetzt nicht so als hätten nur wir Frauen dieses Problem.
Männer haben das Spiegelproblem.
Für sie gibt es nur eine erlaubte Spur: stark sein, kontrolliert, unnahbar.
Vorbild Chuck Norris?
Heute kommt die Botschaft mit neuen, weiteren Begriffen daher, wie im Bio-Baumwollbeutel statt Plastiktüte.
Es wird uns angeboten und wieder in unsere „echte Weiblichkeit“ zu bringen
Die „female Energy“ die wir angeblich verloren haben
Uns soll die „gelebte Weiblichkeit“ wieder nachegebracht werden….
Also zusätzlich zur Beauty Selbstoptimierungsschine, dem Fitness und Körperidealwahn jetzt auch noch das??? Bleibt mir blos alle von der Backe damit.
Das ist doch wieder nur der gleiche Müll von wegen sanft, lieb, nett, hingebungsvoll….. mich würgt es gleich.
Was meine Weiblichkeit ist bestimme ich.
Nochmal zum Mitschreiben: Ich bin eine Frau. Wenn ich etwas mache, egal wie ich es mache ist es auf eine weibliche Weise gemacht. Per Definition.
Und überhaupt: Wenn es eh falsch ist, egal was ich mache, dann kann ich auch so sein wie ich bin, falsch ist es auch vorher schon gewesen, nur jetzt ist es wenigstens meins und ich fühl mich wohl damit.

All dieser Quark ist wieder das gleiche Korsett nur mit anderen Worten.
Und wieder ist die Verantwortung nur bei uns.
Wenn wir nicht nach oben kommen haben wir es halt nicht genug gewollt, sind zu weich…
Wenn wir uns unwohl fühlen in diesen Korsetts, in Rollen die nicht unsere sind, dann liegt es nicht am Korsett sondern daran daß wir nicht in unserer „femininen Essenz“ leben. Übrigens hab ich hier zuuuuufällig ein Angebot bei dem ich dir zeige wie du das wieder lernen kannst…. Wie zum Teufel will mir ein Mann zeigen wie ich eine „richtige“ Frau sein kann??? Na eben, indem ich wieder brav, bescheiden und häuslich werde?
Fragen wir doch mal welche Schäden dieser Quatsch verursacht, Psychisch, körperlich und finanziell.
Schäden durch diese Rollenkorsetts
Psychisch ist glaub ich allen klar, wir Frauen lernen schon früh, wir sind nie richtig. Selbstzweifel, Burnout, Imposter-Syndrom und ähnlicher Kram kommt aus der Ecke zum Bleistift.
Männer lernen genauso früh daß Gefühle tabu sind, Ergebnis hier sind oft Isolation, Depressionen, Alkoholismus und hohe Suizidraten.
Auch nicht wirklich besser
Wirtschaftlich:
Wenn wir mit diesem Unsinn aufhören würden, was dann automatisch auch zu mehr Gleichberechtigung und viel mehr Beteiligungen führen würde könnten laut einer Berechnung von McKinsey allein in Europa ein BIP von +9,6% erwirtschaftet werden, das sind lockere 3,15 Billionen Euro, das wären 10,5 Mio Jobs zusätzlich bis 2050. Das ist doch mal was.
Gesellschaftlich ist klar, wir alle dürfen nur halbe Leben leben, so viel wird uns dadurch verbaut wenn Mädchen dauernd bossy und Jungs Weicheier genannt werden.

Wege raus aus dem Korsett
Für dich persönlich:
Schreib dir dein eigenes Rollen-Manifest. Z.B. Wenn ich klar bin, bin ich weiblich.
Wenn ich fürsorglich bin, bin ich weiblich.
Wenn ich energisch bin, bin ich weiblich.
Ich bin ich.
Wenn ich etwas mache ist es per Definition weiblich.
Scheißegal ob es in dein Bild paßt
Das gilt umgekehrt für die Männer natürlich genauso.
Im System:
Im Job zum Beispiel Sprache und Bewertungen drehen.
Setze „klar und deutlich“ nicht länger mit „kalt, hart oder bossy“ gleich.
Lass Fürsorge nicht länger als nett abwerten.
In Meetings achte auf die Redezeiten, klar teilen, stoppe Unterbrechungen.
Gesellschaftlich müssen wir Care-Arbeit sichtbarer machen und auch Männer nicht abwerten wenn sie Elternzeit nehmen.
Rollenkorsetts halten nichts und niemanden aufrecht.
Sie drücken, sie brechen, sie kosten.
Uns alle.
Also weg damit.
Rollenkorsetts braucht kein Mensch
Und ich bleib dabei, ich mach wie ich es für richtig halte, falsch ist es so oder so
Bis denn dann
Toni vom Café Ruhepol

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