Neulich stolperte ich über einen Post von Simon Debade auf LinkedIn.
Er saß mit seiner Familie zum Picknick im Park und wurde von zwei Frauen angegiftet, er solle doch zurückgehen wo er herkäme. Sie wären schließlich Steuerzahlerinnen und das sei ihr Park. Nur weil er dunkle Hautfarbe hat. Hier ist der Link zum Beitrag
Sowas ist leider kein Ausrutscher mehr, das ist ein Spiegel, es wird immer mehr und ohne jede Scham. Rassismus in Deutschland.
Genauso schlimm finde ich aber auch, daß er sich glaubt verteidigen zu müssen mit den Argumenten, wie lange er schon in Deutschland lebt, daß er hier studiert, gearbeitet, ein Unternehmen gegründet habe, seine Frau hier kennengelernt hat und seine Tochter hier geboren sei.
Dieses Narrativ vom „nützlichen“ Ausländer sitzt tief.
Ich schreibe diesen Text für alle, die genau an diesem Punkt hängen. Angeekelt von diesen Übergriffen, voller Scham über das was in unserem Namen da gesagt wird.
Und ratlos, was jetzt hilft, wie wir diese braune …. noch aufhalten können und endlich zu einem sinnvollen Miteinander kommen.
Rassismus in Deutschland sitzt leider immer noch tief verwurzelt.
Und wenn ich mich in Europa oder USA umschaue, er ist überall und überall wieder auf dem Vormarsch, laut, ganz offen und anscheinend wieder gesellschaftsfähig.
Für mich hat jeder das Recht sicher zu leben, für sich uns deine Familie eine gute Zukunft haben zu wollen und wenn das in der Heimat nicht möglich ist (woran wir Industrieländer verdammt oft eine große Schuld tragen) auch das Recht dorthin zu gehen wo es möglich ist.
Ob jemand auswandert weil ihm ein anderes Land besser gefällt, weil daheim Krieg herrscht, Armut, keine Zukunftschancen, politische Verfolgung… völlig egal, jeder Grund ist für mich legitim. Wir machen es verdammt nochmal doch genauso. Wie viele Deutsche leben auf Bali, in Thailand oder sonst wo, weil es dort schöner ist, man sich bessere Bedingungen verspricht…..
Das ist für mich unverhandelbar. Ohne Vorleistung, ja auch wenn einige kommen um hier Geld zu erhalten daß sie ihren Familien schicken können, ja auch wenn unsere Sozialkassen schon unter Druck sind.
Gerade wenn es um Flüchtlinge geht: Artikel 16a Absatz 1 unseres Grundgesetztes sagt klar „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“. Da steht nichts drin von wegen „aber nur wenn sie nützlich sind“.

Beim Fortuna-Düsseldorf-Spiel gegen Hannover 96 am 9. August 2025 wurde ein AfD-Ratsherr aus dem VIP-Bereich gewiesen. Er soll eine Duisburger Ärztin aufgefordert haben, ihr Kopftuch abzunehmen. Fortuna bestätigte: „Es gab einen Zwischenfall … der Werte unseres Vereins wurden erheblich verletzt“ und er wurde des Stadions verwiesen.
Ich meine super daß der Verein den Kerl rausgeworfen hat, aber auch hier sofort wieder der Verweis auf ihre Nützlichkeit, sie ist ja schließlich Ärztin…. was bitte ändert es am Übergriff ob sie Ärztin oder Arbeitslos ist?
Asyl ist auch kein Gefallen den wir jemandem tun, es ist ein einklagbares Grundrecht.
Ist ja nicht so als ob aus Deutschland nicht auch schon Hunderttausende geflohen wären. Schon vor Beginn des 2. Weltkrieges sind geschätzte 500.000 geflohen, da hat auch niemand von den Ländern in denen sie aufgenommen wurden nach ihrer Nützlichkeit gefragt. Klar, wer arbeiten konnte hat das getan, genau wie die Asylbewerber heute es ja auch tun wenn wir sie lassen.
Leider sind solche Situationen keine Einzelfälle bei uns, immer noch nicht oder wieder mehr. Ich lese und höre es fast täglich.

Daß sich Simon Debade meint, sich als „nützlicher“, braver und angepaßter Ausländer verteidigen zu müssen finde ich persönlich schrecklich. Völlig egal wie lang jemand hier ist. Und wenn er erst gestern mit seiner Familie angekommen wäre. Scheißegal.
Alle Menschen haben das Recht in Frieden und Sicherheit bei uns zu leben, und verdammt nochmal in Ruhe mit ihrer Familie ein Picknick im Park zu machen.
Ich war im Sommer 2023 in der Bundeskunsthalle in Bonn in einer Ausstellung: „Wer wir sind – Fragen an ein Einwanderungsland“ (Bundeskunsthalle Bonn, 26. Mai bis 8. Oktober 2023)
Vieles was ich da gesehen und gelesen habe hat mich entsetzt. Es war mir nicht bewußt, ich war noch ein Kind, als das Meiste davon abgelaufen ist, und dort auf dem Land wo ich aufgewachsen bin in Bayern gab es keine „Gastarbeiter“.
Allein der Begriff ist schrecklich.
Ausbeutung statt Willkommenskultur
In die Ausstellung fließen Dokumente über katastrophale Unterbringung: Sammeltransporte in Sonderzügen, Barackenunterkünfte, fehlender Arbeitsschutz, Alltagsrassismus. Auch DDR-Vertragsarbeiter:innen aus Vietnam oder Korea stehen im Fokus, nominiert als Arbeitskräfte, oft kaserniert, unter Kontrolle.
Und diese Ausländerfeindlichkeit, all der Hass, die Ablehnung aber auch Angst die heute wieder geschürt wird hat auch damals schon System gehabt. Ein WIR war da nie von offizieller Seite.
Zitate von Bundeskanzler*innen, um deutlich zu machen, wie lange das Narrativ vom „Einwanderungsland Deutschland“ von offizieller Seite tatsächlich abgelehnt wurde:
Helmut Schmidt (SPD, 1974–1982)
Er war als Kanzler noch immer skeptisch gegenüber weiteren Einwanderungen. Die Ausstellung zitiert ihn wie folgt:
„Mir kommt kein Türke mehr über die Grenze.“
Helmut Kohl (CDU, 1982–1998)
Auch er setzte auf Reduzierung: In der Ausstellung findet sich ein Zitat von ihm, das verdeutlicht, wie radikal die Restriktionen gedacht waren:
„Über die nächsten vier Jahre wird es notwendig sein, die Zahl der Türken um 50 Prozent zu reduzieren.“
Diese Zitate sind keine historische Kuriosität, sie stehen symbolisch für die offizielle Position jahrzehntelang verfestigter Abwehrhaltung gegenüber Migration.
Gerade deshalb ist die Haltung von Angela Merkel 2015 umso bewundernswerter.
Ich habe leider verdammt stark das Gefühl, CDU/CSU und die AFD würden genau diese Politik wie sie von Schmidt und Kohl gemacht wurden, gerne wieder durchziehen.
Es ist auch nicht so als ob diese Denkmuster bei uns erst seit den Nazis mal kurz aufgeflackert wären und jetzt wiederkommen.
Das ist doch erst seit ein paar Jahren wieder so….
Ähm nein ist es nicht.

Rassismus hat Geschichte in Deutschland, eine sehr lange sogar.
Nicht nur in Straßenszenen oder in Fußballstadien, sondern in Büchern, Hörsälen, Akademien.
In Deutschland reden wir ungern darüber, dass auch Kant und Hegel mitgeholfen haben, Schwarzen Menschen das Menschsein abzusprechen und den Sklavenhandel zu rechtfertigen.
Wir verstecken uns hinter der Ausrede, „die anderen waren schlimmer“ und behandeln die NS-Zeit als Bruch, nicht als Kontinuität.

In Schottland machen Universitäten gerade vor, wie Aufarbeitung aussehen kann. Die Uni Edinburgh hat in einem umfassenden Bericht dokumentiert, wie Professoren Rassenlehre verbreitet und wie die Uni wirtschaftlich vom Kolonialismus profitiert hat. Glasgow hat Reparationsprogramme beschlossen. Aberdeen hat die Gebeine eines ermordeten Indigenen zurückgegeben.
Selbst dort, wo man sich hinter einer Opfererzählung hätte verstecken können, „wir wurden doch selbst unterdrückt“, wird hingeschaut. Das ist unbequem. Das ist ehrlich. Und es ist genau die Art von Selbstreflexion, die uns hier fehlt.
Ja zu Zeiten von Kant und Hegel gab es noch eine völlig andere Sichtweise der Dinge. Das ist aber keine Entschuldigung bis heute nicht bereit zu sein all das aufzuarbeiten was damals im Namen Deutschlands an Leid und Unrecht begangen wurde. Ja sogar immer noch begangen wird, denn diese Denke ist ja wider besseren Wissens immer noch in vielen Köpfen vorhanden.
Ok oft in den Köpfen derer die sich selbst sch… finden und meinen sie wären größer wenn sie andere kleiner machen. Aber auch die oder denen sollten wir doch endlich zeigen können daß es anders geht, daß gemeinsam für alle besser wäre.
Gedankenspiel: Deutschland ohne jede Einwanderung nach 1945

Stell dir vor, nach dem Zweiten Weltkrieg hätte Deutschland seine Grenzen für immer dicht gemacht. Keine Vertriebenen aus dem Osten. Keine „Gastarbeiter“ aus Italien, Spanien, Griechenland, Türkei, Jugoslawien. Keine Spätaussiedler, keine Geflüchteten aus Vietnam, Chile, Syrien oder der Ukraine. Keine internationalen Studierenden, keine eingewanderten Fachkräfte.
Wer hätte die Städte wieder aufgebaut? Wer hätte in Bergwerken, Stahlwerken, auf Baustellen, in Fabriken und Krankenhäusern gearbeitet, als es kaum genug deutsche Arbeitskräfte gab? Wer hätte die Schichten gefahren, die Produkte entwickelt, die Unternehmen gegründet, die heute Teil unserer Exportmacht sind?
Ohne diese Menschen wären unsere Sozialsysteme früher kollabiert, der „Fachkräftemangel“ wäre kein Schlagwort, sondern ein permanenter Notstand.
Die deutsche Küche, Kultur, Wissenschaft, Sport, sie wären ärmer, blasser, eindimensionaler.
Und wirtschaftlich? Wahrscheinlich nicht die größte Volkswirtschaft Europas, sondern ein kleiner, alternder Binnenmarkt am Rand der EU, falls wir überhaupt in der EU geblieben wären.
Migration hat Deutschland nicht „geschadet“. Sie hat es am Leben gehalten. Sie hat dazu beigetragen, dass wir heute in Europa eine laute Stimme haben, ob wir sie klug nutzen oder nicht.
Ja, es gibt sie, die Stimmen, die laut und verächtlich sind. Aber es gibt auch die anderen. Die, die hinschauen. Die eingreifen. Die nicht warten, bis es „die Politik“ richtet, sondern selbst Haltung zeigen.
Wir werden dieses „Wir“ nur schaffen, wenn wir es leben. Im Park. Im Stadion. Im Hörsaal. Am Arbeitsplatz. Jeden Tag. Von allen. Eine sehr interessante Seite zu dem Thema gibt es auch hier auf der Seite von Rachel Etse.
„Wir sind alle Menschen. Es gibt kein schwarzes Blut, kein weißes Blut, es gibt nur rotes Blut.“ – Margot Friedländer
Mehr zu Gerechtigkeit, gleiche Rechte und Menschenrechte findest du z.B. in meinem Blogartikel Toilettenpass nein Danke.
Wieder mal vieles was meinem Sinn und Wert für Gerechtigkeit komplett gegen den Strich geht. Ich hoffe wir lernen es endlich einmal.
Toni vom Café Ruhepol

Danke für deine klare Haltung! Es ist so wichtig, dass diejenigen, die nicht von einer Diskriminierungsform betroffen sind, Stellung beziehen. Damit wir hinterher nicht zurückblicken und nichts getan haben, als es noch ging.
Liebe Grüße
Angela
Jede von uns ist in irgend einer Weise von Diskriminierung betroffen, manche mehr, manche weniger. Ich als weiße Cis-Frau bin vielleicht etwas mehr betroffen als ein weißer cis Mann mit deutschem Paß. Trotzdem hast du schon recht, wer von etwas bestimmten nicht betroffen ist kann am Einfachsten dagegen etwas tun.
Wir alle gemeinsam können die Welt retten. Und nur gemeinsam wird es klappen.
Danke für deinen Beitrag! Menschenwürde darf einfach nicht zur Debatte stehen, für niemanden. Als ich deinen Text gelesen habe, musste ich immer wieder nicken. Rassismus ist kein punktuelles Problem bei uns. Und doch: dass sie wieder aus ihren Löchern kriechen und ihren Hass offen zeigen, ist beängstigend. Wir dürfen nicht wegsehen.
Liebe Grüße
Lea
Wegsehen dürfen wir auf keinen Fall. Wir brauchen einander und wie Margot Friedländer sagte „Wir haben alle rotes Blut, wir sind alle schlicht Menschen“.
Als ob es einen Unterschied macht welche Hautfarbe wir haben oder woher wir kommen. Ja dann haben wir halt unterschiedliche Sozialisierungen, auch das läßt sich hinbekommen. Selbst alle die in Deutschland aufgewachsen sind haben teilweise unterschiedlichen Background, unterschiedliche Kulturen und Sozialisierungen. Das macht das Leben doch Bunt und spannend.
Danke für deinen Kommentar
Lieben Gruß
Toni