Frühmorgens in Deutschland:
Kinder aufwecken, nochmal aufwecken, beim Anziehen helfen, Frühstück machen, Brotdosen füllen, irgendwas suchen helfen, darauf achten daß alle rechtzeitig aus dem Haus kommen.
Taxi-Mama zur Kita, Schule, andere Schule….
Danach ins Büro fahren oder im Homeoffice den Rechner booten.
1,5 – 2 Stunden Care-Arbeit, bevor die Arbeit beginnt.
Frauen sind halt nicht so leistungsfähig???
Frauen müssen mehr arbeiten damit die Wirtschaft….
Allein unser Herr Bundeskanzler liefert solche und ähnliche Texte ja regelmäßig. In seinen Augen scheinen Frauen sich den Großteil des Tages in der Hängematte auszuruhen. Er muß das wissen, er kennt sich ja aus mit Frauen, er hat schließlich eine…… Ähm ja. (Über diesen Satz kann ich mich immer wieder aufregen und amüsieren)

Anscheinend hat er und so viele andere niemanden die ihnen mal die Statistiken zeigt und erklärt.
Es geht ja nicht nur um die Care Arbeit die dabei völlig ignoriert wird, es geht auch darum was diese Aussagen mit uns Frauen machen.
Was es mit uns macht, wenn du Tag für Tag die Lücken füllst die unsichtbar gemacht werden, die keiner sehen will. Wie es dich mit der Zeit unsichtbar macht.
Was es mit uns macht, ständig diese Dauerbelastung, dazu fehlende Bezahlung/Anerkennung für all deine Leistung, das Wissen über die Karriere, die du nicht hast wie du sie als Mann haben könntest, darüber daß du im Alter vermutlich finanzielle Probleme haben wirst. Über die emotionale Seite haben ich z.B. hier geschrieben.
Was all diese Sprüche mit uns machen:
„Hat sie ja keiner gezwungen Kinder zu bekommen, war doch ihre Entscheidung.“
„Was muß sie auch ihre Angehörigen daheim pflegen, dafür gibt es doch Heime“ oder auch
„Frauen wollen doch in Wirklichkeit gar nicht so viel arbeiten, nicht kämpfen oder führen“
Sie lassen uns klein fühlen, machen uns klein. Sie machen uns unsichtbar und auf Dauer auch krank. Darüber hab ich in diesem Blogartikel zur Dauermüdigkeit u.A. geschrieben.
Es sind ja nicht nur die Kommentare, es ist die Haltung: Unsere Arbeit zählt nicht, wir zählen nicht.
Es ist auch das Denken dahinter, all das ist Privatangelegenheit, dafür brauchen wir weder Gesellschaftlich etwas verändern noch als Unternehmen.
Spaßeshalber mal wieder einige Zahlen
Ich hab mir mal die Ehrenamtlich engagierten angeschaut:
Schaut ja erst mal verblüffend ausgeglichen aus, fast gleich viele Frauen wie Männer.
Sobald man sich die Zahlen aber etwas genauer betrachtet fällt direkt ins Auge:
Frauen engagieren sich bei sozialen und pflegenden Tätigkeiten weit überproportional. Männer sind mehr in der Politik, Führungspositionen und Außendarstellung aktiv. Also genau wie sonst auch. Quelle Frauenrat.de
Freiwilliges Soziales Jahr und Bundesfreiwilligendienst:
Rund 65% sind Frauen Quelle wikipedia
Also auch im Ehrenamt sind wenn es um echte Care Arbeit geht wieder die Frauen erheblich stärker vertreten.
laut Statistik leisten Frauen insgesamt ca 43% mehr unbezahlte Arbeit als Männer
Zwingt sie doch keiner dazu die Care Arbeit zu übernehmen.
Klingt als wäre Care Arbeit ein frei gewähltes Hobby daß Frau jederzeit aufgeben könnte.
Es einfach mit „Opferrolle“ oder „freiwilliger Entscheidung“ abzutun ist einfach.

Aber warum sind es wirklich meistens wir Frauen, die die Arbeit machen, die sich entscheiden „ok es muß gemacht werden, kann nicht nicht gemacht werden, dann mach ich es halt“.
Kinder müssen versorgt werden, Haushalt muß gemacht werden, Einkaufen muß jemand gehen, Essen muß jemand kochen, Kinder von der Kita abgeholt, Pflegeheim ist überlastet, Kind ist krank, Wartezeiten beim Arzt……. Irgendwer muß es machen. Ist da die Entscheidung wirklich soooo freiwillig?
Die Entscheidung ist selten zwischen Care-Arbeit oder Beruf.
Die Entscheidung ist: Lässt du ein Kind allein? Lässt du die Gemeinschaft zusammenbrechen?
Weil ja, jede einzelne Frau entscheidet das immer und immer wieder in diesem Moment.
Nur steht so eine Entscheidung ja nicht im luftleeren Raum.

Gesellschaft, Erziehung, System, nenn es wie du willst aber da fängt es an
Wir werden so sozialisiert, von klein auf so erzogen.
Schon kleine Mädchen lernen sich zu kümmern, und wenn es um ihre Puppen ist.
Mädchen lernen sehr früh, daß Fürsorge und Funktionieren ihr Job ist. Sie werden darauf trainiert Lücken zu sehen und zu schließen bevor andere sie überhaupt wahrnehmen.
Sie bekommen Lob wenn sie das tun.
Männer lernen das eher selten in der Jugend. Es wird ihnen einfach nie beigebracht.
Wenn ein Mann Hausarbeit macht „hilft“ er mit und wird dafür Anerkennung erhalten (oft auch erwarten, genau wie bei Kinderpflege etc). Als ob er nicht auch da wohnt, es nicht auch seine Kinder sind.
Wenn eine Frau es nicht tut gilt sie als faul, als kalt und unweiblich, bekommt leider immer noch viel Kritik und Ablehnung dafür.
Ich persönlich hab nie verstanden warum es so schlimm ist wenn er den Haushalt mach, Kinder wickelt und sie es eben nicht tut. Aber das ist meine Meinung, für die ich schon als Teenager immer gewaltigen Ärger eingefangen habe.
Ergebnis ist halt, wir Frauen sagen nicht nur öfter ja bei der Entscheidung, wir merken oft nicht mal mehr, daß wir die Option hätten auch nein zu sagen.
fiktionales Szenario: Was wäre, wenn die Frauen das nicht mehr machen würden?
Stell dir vor, es gibt einen Tag, an dem Frauen die unsichtbare Arbeit nicht mehr tun. Nicht trotzig, nicht laut. Sie hören einfach auf.

Keine Kinderbetreuung.
Kein Kuchen fürs Vereinsfest.
Kein Taxi Mama.
Kein spontanes Einspringen, wenn der Staat Lücken lässt.
Was würde wohl passieren?
In weniger als 24 Stunden würde alles ins Stocken geraten oder schlicht zusammenbrechen.
Das würde sehr schnell sehr massiv auffallen.
Nicht weil Frauen alles können, sondern weil plötzlich sichtbar würde, was bis dahin alles selbstverständlich erwartet wurde
„Dann macht es doch nicht“ „Ihr habt euch doch dafür entschieden es zu machen, also jammert nicht“
Diese Sätze würden sich sehr schnell in Luft auflösen.
Das Nichtmachen hätte plötzlich massive Konsequenzen, für alle.
Politik und Wirtschaft würden merken, dass unbezahlte Arbeit nicht gratis ist, nur ein gigantischer Subventionsposten den Frauen tragen, der nur bisher geflissentlich ignoriert wurde.
Was würde entstehen?
Vielleicht Panik, auf jeden Fall Chaos.
Vielleicht auch ein kurzer Schock und dann hoffentlich ein Umlernen.
Denn wenn diese Arbeit nicht mehr unsichtbar ist, dann bleibt es nicht mehr möglich die Fragen der Vereinbarkeit, Gerechter Verteilung, Gender Gaps, Renten Gaps etc zu ignorieren.

Himmel, anders gehts halt nicht, das ist halt so.
Ist es das? Definitiv nein.
Skandinavien mal wieder. Die machen das besser, erheblich besser sogar.
Schweden, Vorreiter für geteilte Care-Arbeit
480 Tage bezahlte Elternzeit pro Kind, davon jeweils 90 Tage exklusiv für Mutter und Vater, der Rest kann flexibel geteilt werden.
Etwa 30 % der Elternzeit wird von Vätern genommen, deutlich über dem OECD‑Schnitt
Politisch spricht man von „dual earner – dual carer societies“: Partnerschaftlich im Job, partnerschaftlich in der Fürsorge
Schweden war 1995 das zweite Land nach Norwegen mit einer verpflichtenden Vaterquote („pappamånader“), heute sind das 90 Tage Wikipedia
Norwegen verschiebt die Rollenbilder gewaltig
Ebenfalls mit einer Vaterquote, aktuell 15 Wochen exklusiv für den Vater, nicht übertragbar, wenn er sie nicht nutzt, verfallen sie
Folge: Über 70 % der Väter nehmen Elternzeit
Island, Parität als Gesetz
Ein Elternzeit-Modell „6+6“ (6 Monate Mutter, 6 Monate Vater) plus übertragbare Zeit wurde 2003 eingeführt und 2021 weiter ausgebaut
Über 90 % der Väter nehmen Elternzeit, was den Anteil der Care-Arbeit sichtbar verschiebt und Strukturen verändert Wikipedia

Neben diesen drei Ländern sind auch Finnland und Griechenland bei den Ländern mit den größten und gender-gerechtesten Elternzeit Systemen.
Spanien rechnet seit Juli 2025 mit 17 Wochen Elternzeit für beide Eltern gleichermaßen, plus zwei weitere Wochen nutzbar bis zum achten Lebensjahr, ein Schritt Richtung Gleichstellung.
Was macht da den Unterschied?
Nicht übertragbare Zeit zwingt beide Eltern in die Verantwortung.
Familienfreundliche Infrastruktur (Kita, Ganztag, Pflegeversorgung) ergänzt die politischen Regelungen.
Normverschiebung: „Latte‑Dads“ in Schweden zeigen: Fürsorge ist normal, nicht Ausnahme

Was wäre möglich wenn…?
Wenn wir verpflichtende Zeitblöcke einführen würden für Väter, wie in Norwegen, Schweden und Island.
Es finanziell volle Ersatzleistung gäbe (z.B. 80-100% Einkommen), und systemische Infrastuktur, damit Care Arbeit gerechter verteilt würde und nicht nur an den Frauen hängen bleibt.
Wir den kulturellen Wandel hinbekämen, der Väter eben nicht nur in die Kita ruft, sondern voll in die Verantwortung nimmt, sichbar, normal und selbstverständlich.
Wir hätten weniger Frauen mit Burnout.
Wir hätten weniger Frauen zerfressen von Schuldgefühlen weil immer irgendwer oder was hinten runterfällt.
Wir hätten insgesamt ausgeglichenere Menschen, denn nicht nur die Frauen profitieren davon.
Wir hätten eine erheblich höhere Wirtschaftsleistung, geringere Altersarmutsgefahr bei Frauen.
Kinder wären für Frauen nicht mehr Karrierekiller und Armutsrisiko, vielleicht auf lange Sicht auch wieder attraktiver für junge Frauen wenn es nicht mehr entweder Kinder oder Karriere wäre.
Shoutout
Wir brauchen keine Appelle an Frauen noch mehr zu leisten. Wir brauchen Strukturen, die die Last fair verteilen. Alles andere wird uns auf Dauer endgültig in den Abgrund reißen.
Nein das halte ich nicht für überzogen, rechnet doch einfach mal selber nach. Hirn einschalten kann helfen. Augen auf auch.
mal wieder meine zwei Zwetschgen, bis denn dann
Toni








