Es ist schon irgendwie auffällig, überall wo Faschismus und andere autoritäre Systeme aufflammen ist gleichzeitig auch wieder ein massiver Angriff auf Frauenrechte, Gleichberechtigung etc zu sehen.
Wie kommt das und warum?
Hängt das zusammen?
Bedingt sich das vielleicht sogar irgendwie?
Hat mich nicht mehr in Ruhe gelassen, darum hab ich mich da etwas reingelesen und viel gegrübelt.
Faschistische Systeme und Genderrollen
Ich nenne es jetzt „einfach“ Faschistische Systeme, meine damit aber auch alle anderen autoritären Machtsysteme, alle totalitären Systeme, rechtsextremen Ideologien oder strenge patriarchale Machtstrukturen (scheißegal welcher Religion).
Nur zur Klarstellung, ich meine sie alle!
Die Erklärung für Faschismus ist hier.
Faschismus hat ja keine Panzer direkt am Anfang.
Am Anfang ist es, wenn sich gehorchen so schön vertraut anfühlt.
Die Panzer und Vernichtungslager kommen zum Schluß.
Macht
Über den Begriff Macht habe ich ja in Gerechte Welt schon einmal geschrieben.
Da gibt es viele verschiedene Ansätze, was Macht ist und wie sie ausgeübt werden kann.
Macht funktioniert sehr oft über Deutungshoheit.
Wer bestimmt, was normal ist, bestimmt auch was erlaubt ist.
Was ist denn „normal“?
Was heute wieder in Richtung Normalität gerückt werden soll, sind „traditionelle Rollenbilder“, Gewalt gegen Frauen, Rechte von Frauen und allen anderen marginalisierten Gruppen wieder zurück fahren anstatt allen gleiche Rechte zu geben.
Das wird ganz gezielt gemacht, vor allem von der AFD in Deutschland. Leider spielt die Regierung derzeit auch massiv mit und verschiebt den Diskurs ständig wieder in die Richtung.
Warum wirkt dieses Geschlechterbild so stark?
Es ist schön angenehm einfach schwarz/weiß.
Niemand muss nachdenken.
Vielfalt ist Komplex, hat viele Dinge über die wir uns klarwerden müssen, wo wir etwas vertrautes ändern müssen. Das ist anstrengend und macht unsicher.
Vertrautheit gibt auch Sicherheit.
Macht und Gehorsam
Gehorsam wird gelernt.
Zuerst im Kleinen, in der Familie.
Dann fühlt sich Gehorsam später vertraut an. Wir müssen nicht nachdenken, nur gehorchen. Wenn es schief geht, haben wir keine Schuld, wir haben nur gehorcht.
Wer gelernt hat, dass in der Familie Widerspruch nicht geduldet wird, widerspricht später auch anderen Autoritäten seltener.
Irgendwie hab ich das schon mal gehört, ich glaub bei Filmen über die Nürnberger Prozesse damals gegen die führenden Nazis. Die haben auch nur gehorcht…….
Das ist kein Kampf Männer gegen Frauen. Es schaut nur auf den ersten Blick so aus.
Es gibt genauso Frauen, die dieses System mittragen, egal ob sie jetzt Alice Weidel heißen (eine lesbische Frau, die mit einer farbigen Frau verheiratet ist und nicht mal in Deutschland lebt, singt einen auf das reine Vaterland mit alter Rollenverteilung, ich fasse das einfach nicht), oder Frau Meloni in Italien oder Frau Le Pen in Frankreich.
Auch wenn ich diesen Zwiespalt nie kapieren werde, Frauen die an der Spitze stehen, laut Politik machen und gleichzeitig gegen die Rechte der Frauen arbeiten, dieses System von Gehorsam dem Mann gegenüber propagieren.
Vermutlich um letztendlich dieses Gesamtsystem von „einer ist oben und bestimmt, der Rest gehorcht“ aufzubauen.
Es ist also wirklich kein Geschlechterkampf, es geht um Systemstabilität, um unsere Demokratie. Blinder Gehorsam und Demokratie funktionieren nicht gleichzeitig.
Warum ist Gleichberechtigung, gleiche Rechte für alle, so gefährlich für solche Systeme?
Wenn diese Hierarchien im Kleinen (der Familie) geübt werden sollen, geht das nicht, wenn keine Hierarchie da ist. Wenn Gleichberechtigung herrscht fällt also direkt die erste Stufe weg.
Dann klappt aber auch über all sonst dieses Spiel nicht mehr reibungslos.
Denn dann wird überall Gleichberechtigung eingefordert. Von allen.
Nicht nur von Frauen, von allen marginalisierten Gruppen.
Es fehlt das Trainingsfeld für den Gehorsam, die denken unabhängig.
Das macht ein Regieren von Oben dann unmöglich, man muss diskutieren, Kompromisse finden, Rücksichten nehmen. Andere wollen mitreden bzw reden mit, entscheiden mit.
Also genau das Gegenteil von „eine*r ist oben und bestimmt, der Rest tut was gesagt wird“.
Die ganze Logik bricht zusammen, das ist für diese Art von System existenzgefährdend.
Früher, damals, als alles besser war *hüstel*
Meine Mutter war noch so erzogen: Wenn eine „Autoritätsperson“, also Lehrer, Bürgermeister, Polizist, egal, gesagt hat der Himmel ist grün mit rosa Tupfen, dann ist das so. Wurde nicht hinterfragt.
Sie war entsetzt, als sie mitbekommen hat, dass wir mit unseren Lehrern diskutieren, wenn wir der Ansicht sind etwas sei nicht gerecht oder würde nicht stimmen.
Geht doch gar nicht.
Doch, ging, sehr gut sogar.
Was jetzt wieder der Traum so einiger ist: Wieder bestimmen welche Farbe der Himmel ist und alle nicken brav.
Gleiche Rechte für alle bedeutet also weniger Kontrolle über das Geschehen für die „oben im System“. Viel mehr Widerstand und mehr Verhandlungen.
Das ist das Gegenteil von dem, was diese Parteien und diese Systeme wollen.
Jemand wie Trump will nicht verhandeln, er sagt was getan wird und es wird durchgezogen. Ob er morgen das Gegenteil will, völlig egal, auch das würde dann durchgezogen werden.
Warum lernen wir nichts aus der Vergangenheit?
All diese Mechanismen sind ja nur zu gut bekannt, nicht nur aus der näheren Vergangenheit. Warum lernen wir es dann nicht endlich?

Gute Frage. Die Antwort ist wie alles bei dem Thema wohl ziemlich komplex.
Zum einen wohl Bequemlichkeit.
Komplexität ist anstrengend.
Gleichberechtigung bedeutet aushandeln, zuhören, Unsicherheiten aushalten.
Klare Hierarchien nehmen dir das ab.
Das fühlt sich für viele wie eine Entlastung an.
„Die da oben“ werden es schon wissen wie es richtig ist.
Dann natürlich Angst, denn Angst macht klein.
Gerade in Zeiten wie jetzt, voller Unsicherheiten, greifen viele Menschen gerne zu dem was ihnen vertraut wirkt. Auch wenn es objektiv schlechter ist. „Hat schon bei meinen Eltern funktioniert, kann also nicht so verkehrt sein“
Da schlägt das Sicherheitsgefühl einfach die Sehnsucht nach Freiheit.
Was auch in diese Kerbe schlägt sind die Muster, die wir erlernt oder ererbt haben.
Wer hat das sagen, wer darf widersprechen, wer zählt und vor allem: Wer nicht.
Selbst wenn wir sie bewusst ablehnen wirken sie weiter.
Es reicht halt nicht es besser zu wissen. Die Strukturen ändern sich viel viel langsamer als das Wissen.
Und natürlich nicht zu unterschätzen:
Es gibt immer die, denen diese Struktur nutzt.
Denen es scheißegal ist was eigentlich für die Mehrheit besser wäre. Für sie persönlich ist es besser wenn wir wieder Rückwärtsgehen, also befeuern sie das.
Über die Sprache, über Bilder, heutzutage auch viel über Social Media, Filmchen etc. Über das was als „normal“ verkauft wird.
So lange und so oft wiederholt, dass es sich „natürlich“ anfühlt.
Leider ist Fortschritt nichts, was einmal erarbeitet dann ein Dauerzustand wird.
Es ist immer ein hin und her.
Nach Phasen der Öffnung gibt es wieder Phasen des Rückschritts wie wir gerade eine haben.
Viele empfinden den Fortschritt der erreicht wurde als Verlust.
Sie spüren den Verlust von vertrauten Denkmustern, von Gewohnheiten, Privilegien, oft auch von Macht und Einfluss.

„Iss halt so“ ist aber auch keine Lösung
Nein ist es nicht.
Wir können vieles machen. Müssen nicht immer riesige, weltbewegende Sachen sein.
Benutze Sprache ganz bewusst. Ja das Gendersternchen zum Beispiel. Meine nicht Menschen mit sondern benenne sie ausdrücklich mit.
Benenne Dinge richtig. Wenn etwas Unsinn ist, dann sag es auch.
Widerspreche, wenn mal wieder Unsinn als „normal“ verkauft werden soll.
Das muss nicht immer und überall sein, damit würden wir uns nur sinnlos aufreiben. Aber dort wo es möglich ist.
Wenn jemand mal wieder mit einem „das war doch schon immer so“ um die Ecke kommt, nicht nett nicken sondern gegenhalten. Zeig dass das nicht stimmt, dass es auch anders geht.
Ja das ist Arbeit, zäh und dauert gefühlt ewig, aber es wirkt.
Rette nicht immer gleich die ganze Welt, fang im Kleinen an. In deinem engen Umfeld.
Wo wird Verantwortung z.B. automatisch bei Frauen abgeladen?
Wo wird Gehorsam erwartet?
Wo wird etwas nicht hinterfragt, weil man das halt so macht?
Und da fängst du nicht an zu predigen, du machst es einfach anders.
Du benutzt inklusive Sprache.
Du gibst Verantwortung an Männer und belässt sie dort.
Du setzt Grenzen, sagst nein, fängst nicht alles auf.
Nicht secksi, ich weiß.
Aber genau so kippen die Systeme. Genau deshalb greifen ja diese „konservativen“ Parteien eben solche Menschen so sehr an.
Und zum Schluß: Wenn Menschen sehen, dass es auch anders geht, ganz ruhig und entspannt, ohne großes Drama, dann verändert das mehr als 100 Protestmärsche und wütende Aufrufe.
Das gebe ich ja auch in meinem Angebot: Räume ohne Druck, ohne Hierarchien, ohne „du musst funktionieren“. Da können Frauen es dann schlicht erleben, wie sich das anfühlt.

Warum mach ich mir Gedanken über sowas?
Zum einen, weil ich es verstehen will.
Weil es mir einfach nicht in den Kopf will, warum wir immer wieder und wieder in diesen Kreisel laufen.
A ist besser und mehr wert als B, B muss also A gehorchen.
Dabei kann man für die Platzhalter alles einsetzen, Hautfarbe, Herkunft, Augenfarbe, Geschlecht, sexuelle Zuordnung, Religion, Haarfarbe oder eine Vorliebe für Stinkekäse.
Zum anderen auch, weil ich Demokratie und Vielfalt geil finde. Ich will das behalten und noch stärker haben.
Ich träume von einer Welt, in der wir diese Diskussionen endlich nicht mehr führen müssen.
Bis neulich mal wieder
Toni







