Als ich mit der Blogparade angefangen habe, zum Thema Politik und Business, war das erst mal spannend, weil mir ständig gesagt wurde im Business hat man sich aus der Politik rauszuhalten, neutral zu bleiben. Es wären zwei verschiedene Körbe, die nix miteinander zu tun hätten.
Genau so hab ich es mein Leben lang gelernt gehabt.
Nur, wie kann Business funktionieren ohne irgendwie auch politisch zu sein?
Egal welches, egal was ich mache, es berührt immer Entscheidungen, Macht und Rahmenbedingungen, bewegt sich innerhalb der Gesellschaft.
Je tiefer ich eingetaucht bin, desto mehr Fragen kamen mir.
Wann bin ich denn politisch?
Und wann bin ich es nicht?
Geht das überhaupt, völlig unpolitisch zu sein?
Politik und Business
Irgendwann ist mir auch aufgefallen, wie selbstverständlich große Unternehmen eindeutig politisch positioniert sind. Durch Lobbyarbeit, durch Nähe zu Regierungen oder Parteien, durch öffentliche Statements und strategische Allianzen.
Egal ob Microsoft, Apple, Amazon, SAP oder Müller Milch, Wirtschaft und Politik sind da so eng verwoben.
Trotzdem fordert niemand von diesen Unternehmen Neutralität oder behauptet sie wären unprofessionell, weil sie sich politisch positionieren.
Neutralität wird augenscheinlich meistens dann gefordert, wenn bestehende Strukturen irritiert werden.
Wenn diese Vorstandschefs sich demonstrativ mit politischen Entscheidungsträgern zeigen, nennt man das Strategie.
Die Aktion im Oval Office, mit all den großen Hightech Bossen, die fast auf ihren Schleimspuren ausgerutscht sind z.B..
Wenn jemand im eigenen Unternehmen eine Haltung formuliert die etwas anders ist, dann ist es plötzlich politisch und gehört nicht ins Business.
Vielleicht ist das eigentliche Problem ja gar nicht die Politik im Business.
Vielleicht ist das Problem eher „Störung“?
Störung des gewohnten Systems, der gewohnten „Normen“ und Ansichten und vor allem: Der bisherigen Bequemlichkeit.
Denn wenn wir das mal nüchtern betrachten: Es ist schon bequem einfach zu bestimmen, ohne sich rechtfertigen zu müssen, ohne nach Kompromissen suchen zu müssen, sich einfach zu nehmen was Mann will.

Neutralität
Klingt gut dieses Wort. Sauber, klar, objektiv. Fast schon moralisch überlegen.
Die Schweiz ist neutral.
Ein Schiedsrichter ist neutral, ein Arzt soll auch neutral behandeln.
Das sind aber auch Situationen mit klarer Rolle und Definition.
Aber wem oder was gegenüber bin ich denn neutral und wie?
Dem Staat, bestimmten Parteien gegenüber, gesellschaftlichen Entwicklungen, meinen eigenen Werten, meinen Kundinnen oder Mitarbeitenden?
Wann bin ich nicht mehr neutral?
Neutralität setzt doch immer zwei Seiten voraus, und eine klare Linie dazwischen.
Alle Spieler auf dem Feld und den Schiedsrichter. Klar und deutlich abgegrenzt.
Im Business hab ich das doch so gut wie nie.
Jede unternehmerische Entscheidung ist doch eher eine Gewichtung.
Wen stelle ich ein?
Mit wem arbeite ich?
Welche Sprache benutze ich?
Welche Zielgruppe spreche ich an?
Welche Produkte bringe ich auf den Markt?
Wo produziere ich?
Worüber schweige ich?
All das ist nicht neutral sondern eine Gewichtung von Prioritäten.
Vielleicht ist das Problem ja, dass wir Neutralität mit Unsichtbarkeit verwechseln.
Solange etwas der Norm entspricht, erscheint es neutral.
Die männliche Form in der Sprache war lange normal.
Sie war es nie, sie war nur Standard.
Neutral wirkt oft nur das, was viel zu lange nicht hinterfragt wurde.
Alles, was sichtbar macht, dass es auch anders geht, gilt plötzlich als politisch.
Ich glaub deshalb fühlt sich Neutralität so sauber an.
Sie verspricht Ruhe, keine Reibung, keine Konflikte.
Business glatt und neutral
Für mich persönlich unmöglich.
Wir Frauen müssen auch heute noch fast täglich und fast überall immer wieder um unsere Rechte kämpfen, darum kämpfen ernst genommen zu werden, uns rechtfertigen für unsere Kompetenz (und sie permanent unter Beweis stellen, bei Männern wird sie als gegeben vorausgesetzt).
Wie soll das mit gleichzeitig Neutral funktionieren?
Wie soll Neutralität funktionieren, wenn ich als Frau für alles, was Männer automatisch bekommen, kämpfen muss?
Diese Art von Neutralität funktioniert nur für Menschen, die vom bestehenden System profitieren.
Für alle anderen ist sie Luxus. Oder Selbstbetrug.
Für mich persönlich klappt Neutralität auch nicht, wenn ich sehe wie andere ungerecht behandelt werden. Egal ob mich das selbst betrifft oder nicht.
Alles in mir sträubt sich dagegen.
Ob das jetzt Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund ist, ob das ist, dass Menschen mit Behinderungen benachteiligt werden oder auf Bürgergeldempfängern herumgetrampelt wird. Mein Gerechtigkeitsgefühl kann sich da nicht raushalten.
Will ich ganz ehrlich auch nicht.
Weltfrauentag
Gerade als ich diesen Text zu Neutralität schreibe ist Weltfrauentag.
Ein Tag der jedes Jahr wieder die gleichen Debatten auslöst:
Brauchen wir den eigentlich noch?
Frauen haben doch schon so viel erreicht.
Eigentlich haben Frauen schon ZU viel erreicht, jetzt werden Männer langsam benachteiligt…..
Der genau das eben auch ist. Auch er ist natürlich hoch politisch.
Weil Frauen eben eines noch nicht erreicht haben, etwas völlig simples:
ALLE Menschen haben gleiche Rechte. Sollte eigentlich nicht so wahnsinnig kompliziert sein. Wieder mal so ein simpler Satz der so dermaßen kompliziert ist.
Fast wie der Satz NEIN.
Früher lag die politische, wirtschaftliche und rechtliche Macht fast vollständig bei Männern.
Frauen hatten lange weder Wahlrecht (oder sonst eine Art von Möglichkeit der Mitsprache oder Entscheidung), noch Zugang zu den meisten Berufen, kein eigenes Konto, oft nicht mal die rechtliche Kontrolle über ihr eigenes Leben.
Jetzt, so seit gut 100 Jahren ändert sich das mehr und mehr, die Waage pendelt sich ein bisschen mehr auf Gleichgewicht ein. Noch lange nicht wirklich gleich aber das Hauptgewicht ist nicht mehr so extrem einseitig verteilt.
Das fühlt sich sicher erst mal nach Verlust an. Es ist anstrengender für die Männer geworden, die Konkurrenz wurde verdoppelt, da auch Frauen jetzt eine solche sind.
Frauen denken anders als Männer. Nicht notwendigerweise besser, nur anders. Unsere Gehirne haben andere Erfahrungen gemacht und dadurch andere Perspektiven.
Natürlich ist es anstrengend, wenn Mann jetzt Kompromisse eingehen muss, anstatt zumindest in der Familie einfach zu entscheiden, über alles, inklusive des Körpers der Frau. Es ist anstrengender, Argumente zu suchen als einfach basta zu sagen.
Kompromisse sind ja immer etwas, bei dem niemand alles bekommt was er/sie haben will. Alle Beteiligten müssen ein wenig aufgeben, aufeinander zugehen und sich mit einem Teil dessen was erhofft war zufrieden geben.
Das ist am Weltfrauentag nicht anders als das ganze Jahr über.
So kann Politik und Business auch umgesetzt werden
Wenn ein Gebäck plötzlich mehr Haltung hat, als unsere Politik!
Es beginnt, wie die besten Geschichten beginnen: früh am Morgen, warmer Ofenduft, goldene Teiglinge, glänzende Glasur. Handwerk, das man fast spüren kann.
Und dann steht da dieses Schild.
Nicht mehr „Amerikaner“.
Sondern: Grönländer.
Die traditionsreiche Bäckerei De Heidbäcker aus Niedersachsen hat getan, was sich viele nicht trauen: Sie hat ein Kultgebäck umbenannt. Still. Ohne PR-Zirkus. Dafür mit Rückgrat.
Auf dem Schild ein Eisbär.
Darunter: Make cake, not war.
Ehrlich gesagt hat ein Stück Gebäck selten so attraktiv gewirkt. Rund, weich, verführerisch glasiert. Und plötzlich auch noch politisch.
Man möchte fast sagen: Haltung kann ziemlich lecker sein.
Der Hintergrund ist klar. Wenn politische Lautstärke, Machtfantasien und Dauerprovokation das Bild eines Namens dominieren, dann darf man sich fragen, ob dieser noch für Genuss steht.
Oder eher für bitteren Nachgeschmack, den selbst Zuckerguss nicht überdeckt.
Donald J. Trump.
Diese Bäckerei zeigt etwas, das in großen Debatten oft verloren geht: Haltung beginnt nicht auf Gipfeln. Sondern mit Reaktion.
Nicht laut.
Nicht hysterisch.
Sondern klar.
Und genau deshalb ist diese Idee so genial.
‼️ Liebe Bäckerinnen und Bäcker, habt Mut.
Nicht wegen eines Trends. Sondern weil Sprache Wirkung hat.
Der Grönländer schmeckt genauso gut. Vielleicht sogar besser. Weil er zeigt, dass Handwerk nicht nur Teig formen kann, sondern auch Haltung.
Manchmal braucht es keine großen Reden.
Manchmal reicht eine Idee, ein wenig Mut und neues Schild.
Und plötzlich wirkt ein Gebäck nicht mehr wie ein Stück Kuchen.
Sondern wie ein kleines, süß glasiertes Statement.






